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Tejedor, Chon: The Early Wittgenstein on Metaphysics, Natural Science, Language and Value. New York/London: Routledge 2015. 185 Seiten. [978-0-415-73039-6]

Rezensiert von Jürgen Koller (Alumnus Universität Innsbruck)

Als ein erfrischend innovatives und zugleich gewagtes Unterfangen lässt sich Chon Tejedors neuestes Buch, The Early Wittgenstein on Metaphysics, Natural Science, Language and Value, in die mittlerweile wohl unüberschaubare Menge an Texten zu Leben und Werk Ludwig Wittgensteins einordnen.

Dem innovativen Ansatz wohnt ein eklektisches Moment inne. Tejedor versucht nämlich, unter Bezugnahme auf die diskursprägenden Debatten über die Frühphilosophie Wittgensteins, eine neue Leseweise zu etablieren. Dabei handelt es sich um eine Leseweise, die sich an den gängigsten Interpretationsweisen des Tractatus logico-philosophicus – der Standardlesart und der strengen (engl. resolute) Lesart – orientiert. Sie versucht, deren Stärken zu berücksichtigen und deren Schwächen, wo dies möglich ist, zu vermeiden (vgl. 9). Die Stärken und Schwächen der verschiedenen Leseweisen finden sich nach Tejedor vor allem in den Diskussionsfeldern um die Verwendungsweise der Termini Sinn/Unsinn und Sagen/Zeigen. So wendet sich Tejedor beispielsweise gegen die von Standardinterpreten nicht selten vorgebrachte Auffassung, dass Wittgenstein mehrere Verwendungsweisen des Begriffs „Unsinn“ nahelege bzw. behaupte, dass es gehaltvollen Unsinn („illuminating nonsense“) gebe (5). Zum anderen erkennt sie jedoch an, dass sich verschiedene Aussagen Wittgensteins nur schwer mit einer strengen Interpretation vereinbaren lassen (vgl. 6). Als wesentlich erweist sich die von Tejedor mit einigen Vertretern beider Lesarten geteilte Auffassung, dass zeigen eine Form praktischen Wissens, eine Form von Know How beinhalte (5). Hieran wird in weiterer Folge kenntlich werden, ob es Tejedor gelingt, eine neue Lesart vorzulegen.

Tejedors Vorgehensweise kann zweifellos als innovativ angesehen werden, steht sie damit doch beispielhaft für eine junge Generation von Wittgenstein-Forschern, die ihren Blick auf die Frühphilosophie Wittgensteins richten und über die Grenzen etablierter Lesarten hinweg eine Neu-Einordnung zu wagen suchen. Ein solch innovatives Unterfangen ist gewagt. Denn, je mehr Raum Tejedor einer alternativen Lesart einräumt, desto größer wird die Angriffsfläche für ihre Kritiker sein. In der Tat stellt sich die dringliche Frage: Ist Tejedors Interpretation haltbar?

In sechs Kapiteln, umrahmt von Einleitung und beschließender Konklusion, sowie einem Anhang, führt uns Tejedor an die Beantwortung der von uns gestellten Frage heran. Dabei wollen wir vorab auf eine umfassende Erörterung der Einleitung (1–14) verzichten und die dort vorzufindende Darstellung der New Wittgenstein Debate, der Auseinandersetzung zwischen den Vertretern der Standardauffassung, der strengen Lesart und einer vermittelnden Positionierung hinsichtlich der Interpretation des Tractatus, als zutreffend einräumen und daher nur kurz behandeln. Befürworter einer Standardlesart vertreten die Meinung, dass Wittgenstein im Tractatus Auffassungen verteidige, wie beispielsweise hinsichtlich der Bestimmtheit des Sinnes oder der Einfachheit von Bedeutung, die ihrerseits metaphysische Einsichten in Hinblick auf das Verhältnis von Welt, Sprache und Denken transportieren würden. Verfechter einer strengen Lesart wenden sich im Gegensatz dazu dezidiert gegen die Vorstellung, dass Wittgenstein es beabsichtigte, metaphysische Einsichten zu präsentieren. Vermittelnde Positionen, als Beispiel wird die Position von Marie McGinn angeführt (3), versuchen dem gegenüber in ganz unterschiedlicher Weise, die gegensätzlichen Positionen einer Annäherung zuzuführen.

Das erste und zugleich längste Kapitel (15–45) führt mit einer Diskussion von Sprache, Denken und Abbildung, genauer von Satz, Gedanke und Kommunikation, thematisch in Wittgensteins Auffassung von Darstellung im Tractatus ein, wobei Tejedor eine deflationistische Lesart des Tractatus in Hinblick auf die Bestimmtheit des Sinnes und die Einfachheit von Bedeutung vertritt. Für Tejedor bildet Wittgensteins Auffassung der logischen Abbildung den Rahmen für die Behandlung und Einordnung des Tractatus (16).

Ein wichtiger Aspekt in der Behandlung von Sätzen liegt Tejedor zufolge in der Betonung ihrer Kommunikationsfähigkeit. Sie führt ganz zutreffend an, dass Kommunikation laut Wittgenstein durch die Sinne, in Verwendung von zugänglichen Zeichen stattfinde und Sätze das Medium für den intersubjektiven Transport von Gedanken wären (16). Auch kann man ihr darin zustimmen, dass Satzzeichen, als Anordnung von Worten, die dazu verwendet werden können um Gedanken auszudrücken, ebenso erfahrbar sind und ein Teil des Zweckes von Kommunikation in der Möglichkeit besteht, neue Gedanken zu vermitteln (vgl. hierzu TLP 4.027). Überdies, dass diese wesentliche Sprachfunktion dadurch möglich ist, dass sowohl Sprache als auch Denken nach Wittgenstein bildhaften, d.h. abbildenden („pictorial“) Charakter aufweisen (17). Die Verbindung von Kommunikation und Bildhaftigkeit, d.h. Abbildung, wird im Weiteren nun genauer behandelt (vgl. Abschnitt 1.2).

Über die Erläuterung des Bildes als einer Art Tatsache, in dem Sinne, dass ein Bild eine festgelegte, logische Anordnung von Elementen sei, die die Anordnung von Elementen in einem möglichen Zustand/Sachverhalt („state/state of affairs“) widerspiegle und sie dadurch abbilde oder darstelle (18), führt uns die Autorin hin zur Feststellung, dass Bilder in einer Vielzahl von Medien – propositional, mental, ikonisch – auftreten können. Diese seien in ihre letzten Bestandteile analysierbar, die einfache Bedeutungen bezeichneten. Die letzten Bestandteile fasst Tejedor als eigentliche Namen („real names“) auf und führt diese Begrifflichkeit einer weiteren Verwendungsweise, die nicht auf Sätze begrenzt, sondern auf alle Bilder erweiterbar ist, zu (19 f.). In diesem Kontext wird das elementare Bild („elementary picture“) als jenes Bild eingeführt, das aus einer vollständigen Analyse von Bildern aus unterschiedlichen Medien, die denselben Sachverhalt darstellen, entsteht (20). Eher unvermittelt spricht Tejedor nun, diesen Teil beschließend, davon, dass von sinnvollen Bildern („senseful pictures“), die etwas über die Wirklichkeit mitzuteilen beabsichtigen, das Bestehen eines Sachverhaltes behauptet wird (22). Es stellen sich hier gleich mehrere Fragen. Es ist und sei einem jeden Autor unbenommen, in seiner Interpretation eines Textes eigene Definitionen einzubringen. Er muss sich hierbei allerdings immer dem Spannungsbereich zwischen einer Zuschreibung in eigenen Worten und des Problems der Übersetzbarkeit dieser eigens eingeführten Wörter in eine andere Begrifflichkeit im Ursprungstext bewusst sein. Für die Begriffe Zustand, sinnvolles Bild und elementares Bild ist eine solche Übersetzbarkeit in Zweifel zu ziehen. Die Fragen könnten dahingehend lauten: Was rechtfertigt die kontextgebundene, synonyme Verwendungsweise von Zustand und Sachverhalt? Wenn es ein sinnvolles Bild gibt, gibt es dann auch sinnlose und unsinnige Bilder? Wittgenstein spricht nicht von elementaren Bildern, sondern von Elementarsätzen und der Form der Abbildung, die das Bild aufweist und die es ihm ermöglicht, jene Wirklichkeit abzubilden, deren Form es besitzt (es ließe sich nebenbei und in Bezug auf Namen gesprochen auch die Frage danach stellen, was der Unterschied zwischen einem Namen als Urzeichen (TLP 3.26) und einem eigentlichen Namen (3.3411) ist, sein kann). Inwiefern ist die Begrifflichkeit des elementaren Bildes in Wittgensteins Verständnis übersetzbar?

In den verbleibenden Teilen des ersten Kapitels behandelt Tejedor zum einen die wesentlichen und zufälligen Züge („features“) eines Bildes, die sie anhand der Unterscheidung zwischen dem Begriff der Form der Darstellung eines Bildes einerseits und den Begriffen der logischen Struktur, der Form der Abbildung und der logischen Form andererseits expliziert (vgl. 26ff.) und schließlich, die von ihr unter dem Sammelbegriff der Determination Question wiedergegebenen Debatten in der Text-Exegese des Tractatus (vgl. 30ff.). Tejedor führt drei Debatten hinsichtlich dieser Frage an, wobei sie zwei davon genauer behandelt. Die eine dreht sich um die Frage, ob Sinn in einer Weise von Bedeutung abhängt, wie Bedeutung nicht von Sinn abhängen kann und eine zweite um die Frage, ob Form von Inhalt abhängt, wie es in umgekehrter Weise nicht möglich ist. Die Debatte um die Vorgelagertheit von Inhalt bezüglich Form sieht Tejedor als unnötig an. Der korrelative Zusammenhang dieser Begriffe lasse eine Bevorzugung des einen über den anderen nicht zu. Auch die Beziehung zwischen Sinn und Bedeutung sieht Tejedor korrelativ: Das Postulat von wahrheitsfunktional strukturiertem Sinn („senses“) setze das Postulat von einfachen Bedeutungen voraus – und umgekehrt (40).

In den Folgekapiteln zwei und drei geht Tejedor zur Behandlung der negativen und positiven Aspekte um Wittgensteins Diskussion des Solipsismus über. Dabei gelingt es ihr, wie ich finde, sehr gut und zutreffend, Wittgensteins Positionierung in Auseinandersetzung mit Einflüssen von Russell, Schopenhauer und Mach herauszuarbeiten – wenngleich der Terminus Mach´scher Solipsismus (49) ein wenig deplatziert wirkt und es nicht klar ersichtlich ist, inwieweit die Autorin hier eine Abgrenzung zu Schopenhauer vornimmt. Das Novum ist hier nicht, dass Tejedor Russell und Schopenhauer in den Diskurs einbringt. Sie selbst stellt fest, dass in der Sekundärliteratur Wittgensteins Überlegungen zum Solipsismus längst als von Russell, Schopenhauer und Mach inspiriert dargelegt wurden (47). Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass sich bereits bei Anscombe 1959 oder auch Stenius 1969 [1960] ein Abschnitt zu Schopenhauer findet (Anscombe 1959: 168f.; Stenius 1969: 279ff.). Neu ist die Hinführung zur Feststellung, dass für Wittgenstein das metaphysische – und nicht das wollende – Subjekt, in Ablehnung von Russells epistemologischer Variante des Solipsismus und der Schopenhauer’schen Lesart, dass Wittgenstein ein transzendentales Subjekt als Bedingung für Repräsentation befürworte (vgl. 49ff.), als die Gesamtheit möglicher Gedanken aufgefasst werden sollte (74ff.). Die Gleichsetzung von transzendentalem Subjekt mit der Gesamtheit möglicher oder, wie im sechsten Kapitel zu lesen, sinnvoller Gedanken (vgl. 150), erscheint freilich hinterfragbar zu sein. Auch ist Tejedor hier nicht davor gefeit, einem Einwand der strengen Lesart ausgesetzt zu sein. So ließe sich die Frage stellen: Wovon spricht Tejedor, wenn sie von der Gesamtheit und einem transzendentalen Subjekt spricht; vermeint sie über etwas sprechen zu können, was durch die Sprache nicht bedeutet werden kann?

Das vierte Kapitel (91–118) befasst sich mit der Frage nach Wittgensteins Verständnis von Kausalität und Wissenschaft. Dies geschieht zutreffend vor dem Hintergrund, dass Wittgensteins Verortung der Naturwissenschaften, zusammen mit seiner Auffassung von Solipsismus und

dem Selbst, eine wesentliche Voraussetzung für ein Verständnis seiner Behandlung von Ethik, der Sinn-/Unsinn und Sagen-/Zeigen Unterscheidung ist. Tejedor unterscheidet zwischen einer negativen Behandlung als Teil des logischen Folgerns und der Begründung des Schließens (92ff.) und einer positiven Behandlung hinsichtlich der Bemerkungen über die Naturwissenschaften (100ff.). Bei der positiven Behandlung hebt sie die Begriffe Form und Gesetz/Gesetze anhand einer Behandlung der Netzmetapher (siehe 6.341) hervor. Hier liest Tejedor Wittgenstein dahingehend, dass für ihn der Begriff des Gesetzes genau jener eines Satzes sei, „that is used to provide instructions for the construction of senseful propositions within a given system“ (103). Hinsichtlich der Verwendung von Form sei grundlegend, dass Wittgenstein zwischen wesentlichen und zufälligen Zügen unterscheide und kausale Formen optional.

Abschließend lässt sich festhalten, dass Wittgenstein in Tejedors Lesart Kausalität wohl nicht in einem vollumfänglichen Sinne, sondern nur ein bestimmtes Verständnis von Kausalität ablehnte. Nämlich: „the view that causation involves necessary connections between causes and effects“ (91).

Das fünfte Kapitel (119–137) ist geprägt von einer detaillierten Erörterung des Stellenwertes von Logik und Naturwissenschaften innerhalb des Tractatus. Die Autorin vertritt in Einklang mit der Forschung die Auffassung, dass Logik das engmaschigste Netz in der Netzmetapher darstelle und deren Transzendentalität darin liege, dass sie der Beziehung von Darstellung und Welt intern oder ihr zugrundeliegend sei (127). Logik, genauer den Gesetzen von Logik, Naturwissenschaften und Umgangssprache („natural language“) wäre gemein, dass sie Anweisungen für die Bildung sinnvoller Bilder wären und bestimmte Formen des Zeichengebrauchs innerhalb eines Systems als unwichtig ausschieden, zudem, dass sie praktisches Wissen – Know How – erforderten und in einer internen Beziehung zu den sinnvollen Bildern stünden, die sie erzeugen würden (127ff.). Unterschiede sieht Tejedor darin, dass die Gesetze der Logik „are essential to representation, the principles of scientific systems and those of natural languages are not“ (130) und in der Optionalität der Gesetze der Naturwissenschaften und Umgangssprachen, die darin zum Ausdruck käme, dass Sätze informativ sein könnten. Im Gegensatz dazu könne die Darstellung logischer Anweisungen in Form von Sätzen nur jenen psychologischen Zweck transportieren, uns an Anweisungen zu erinnern, „we already know, insofar as we already have mastery of language and thought“ (130). Tejedor beschließt dieses Kapitel mit Abschnitten zur Unsagbarkeit von Form und zu Unsinn als dem Fehlen von Zweck.

Eine Form sei, so Tejedor, eine vereinheitlichte Menge von Anweisungen – die für die Darstellung wesentlich, wie im Falle der logischen Form, oder optional, wie im Falle der kausalen Formen oder der Formen der Darstellung, sein können – für die Gewinnung sinnvoller Bilder, wobei durch die Verwendungsweise der Zeichen bestimmt wird, ob eine Zeichenanordnung eine Anweisung oder ein sinnvolles Bild ausdrückt. Auf den Punkt gebracht kann Tejedor folgend Form insoweit ausgedrückt werden, wie Sätze dazu verwendet werden können, Anweisungen zu übermitteln (siehe 134). In ihrer vorläufigen Lesart der tractarianischen Unsinnskonzeption – eine ausführlichere Einlassung erfolgt in Kapitel 6 – nimmt die Auffassung Raum ein, dass jene Sätze, die die Gesetze der Naturwissenschaften ausdrücken, Wittgenstein folgend, weder sinnvoll, sinnlos noch unsinnig seien. Sie seien „a priori, optional and not truth-assessable“ (135) – kurzum zweckbehaftet. Somit sei ein Satz unsinnig nur insofern er keinem Zweck diene. Auch hier ließe sich unter der Voraussetzung, dass die logische Form eine einheitliche Menge von für die Darstellung wesentlichen Anweisungen ist, die Frage stellen, wie es dann möglich sei, über das der Darstellung Wesentliche sinnvoll zu sprechen. Zudem scheint es mir keineswegs sicher zu sein, dass die Ontologie in den frühen Aufzeichnungen über die Gesetze der Naturwissenschaften aus dem Jahre 1914, den späten ontologischen Bemerkungen zu Beginn des Tractatus entspricht. Eine Einlassung auf die Chronologie des Textes wäre hier (und im Allgemeinen) wünschenswert gewesen.

Das letzte Kapitel (138–155) handelt vom Zweck der Ethik oder von Wittgensteins Positionierung hinsichtlich der Unsagbarkeit von Ethik. Tejedor versucht in diesem Kapitel ein neues Verständnis diesbezüglich zu etablieren. Für sie sind, Wittgenstein folgend, die Sätze der Ethik unsinnig. Ungeachtet dessen erweist sich Wittgensteins Zugang zur Ethik als eng verbunden mit dem, was er als klärenden Prozess auffasst. Einen Prozess der Klärung dessen, was Sätzen und Gedanken wesentlich ist; d.h. einer Klärung unserer praktischen Fähigkeiten in Verbindung mit unserem Zeichengebrauch (145f.). Dieser erfolgreiche Prozess führt uns zur Erkenntnis, dass die Wirklichkeit aus grundlegend kontingenten Tatsachen bestehe, der Begriff der kausalen Notwendigkeit unsinnig sei und der Begriff dessen, dass menschliche Wesen über eine absolute Kontrolle über bestimmte Tatsachen verfügten, ebenfalls als unsinnig ausgewiesen werde (146). Für Wittgenstein sei, so Tejedor weiter, der Zeichengebrauch, „in such a way as to reflect the fundamental contingency of facts“ (148), die Anzeige einer zutreffenden Haltung („attitude“) zur Welt. Diese ethische Haltung sei eine Disposition für den Zeichengebrauch. Eine Disposition, so schreibt sie, „to use signs in a way that demonstrates that one ist clear about the essential features of pictures“ (150).

Damit setzt sie sich von der von ihr so benannten Schopenhauer’schen Lesart – als ein zeitgenössischer Vertreter wird Martin Stokhof angeführt – ab, derzufolge Wittgenstein erstens ein transzendentales Subjekt als Bedingung von Darstellung und Ethik befürworte, zweitens, dass die Ethik des Tractatus durch unsinnige Sätze vermittelt werde, und drittens, dass Moral eine transzendentale Wahl zwischen zwei Einstellungen in Hinblick auf die Welt – eine moralisch gute und eine moralisch schlechte – beinhalte (140).

Was ist von dieser Konklusion zu halten? Wie stichhaltig ist Tejedors Interpretation?

In ihrer Konklusion (156–168) weist Tejedor noch einmal dezidiert darauf hin, dass ihr Ziel darin liegt, Aufmerksamkeit auf eine weitere Verwendungsweise vom Gebrauch, einer zweckvollen Verbindung von Zeichen, zu richten. Wittgenstein bezwecke in der Verwendung der Sätze des Tractatus etwas: die Klärung von Sätzen und Gedanken, „that is, the re-orientation of our disposition to use signs away from nonsense“ (162). Dieser Prozess der Klärung, so hält sie abschließend fest,

in which the Tractatus engages us therefore culminates in our coming to recognise that there is no longer any purpose to be served by the propositions in the book: it involves coming to recognise them, at the end (‚am Ende’ – TLP 6.54), as nonsensical and therefore opting for silence with respect to them. (163)

Chon Tejedor legt mit The Early Wittgenstein ein facettenreiches und tiefgründiges Werk vor, das in vielerlei Hinsicht zur Lektüre zu empfehlen ist. Ihr Anspruch eine Neuinterpretation und eine kohärente Lesart zu präsentieren scheint jedoch letztlich daran zu scheitern, dass sie nicht überzeugend darlegen kann, wie es möglich sein soll eine kohärente Lesart des Tractatus zu präsentieren, in welcher es dennoch möglich ist, Unausdrückbares auszudrücken. Daran ändert auch ihr Verweis auf ein praktisches Know How, ein Wissen um die Verwendungsweise von Zeichen, nichts, fällt ja gerade dieses Know How unter das, was nach Wittgenstein nicht sinnvoll ausgedrückt werden kann.

Literatur

Anscombe, G. E. M. An Introduction to Wittgenstein´s Tractatus. London: Hutchinson University Library, 1959.

Stenius, Erik. Wittgensteins Traktat. Eine kritische Darlegung seiner Hauptgedanken. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1969.

© 2015 Zeitschrift für philosophische Literatur, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE

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