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Tetens, Holm: Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie. 4. Aufl. Stuttgart: Reclam 2015. 96 Seiten [978-3-15-019295-5]

Rezensiert von Daniel Minkin und Björn Sydow (Philipps-Universität Marburg)

Gegen Ende seines aufsehenerregenden Buches schreibt Holm Tetens: 

Um die Philosophie wird es erst dann besser bestellt sein als gegenwärtig, wenn Philosophen mindestens so gründlich, so hartnäckig und so scharfsinnig über den Satz ‚Wir Menschen sind Geschöpfe des gerechten und gnädigen Gottes, der vorbehaltlos unser Heil will‘ und seine Konsequenzen nachdenken, wie Philosophen zur Zeit pausenlos über den Satz ‚Wir Menschen sind nichts anderes als ein Stück hochkompliziert organisierter Materie in einer rein materiellen Welt‘ und seine Konsequenzen nachzudenken bereit sind. (90)

Diese Einschätzung ist gleichermaßen faszinierend und erläuterungsbedürftig, suggeriert dieser Satz doch, dass sich die Philosophie heutzutage in einer misslichen Lage befindet. Doch worin besteht diese missliche Lage?

Mit seiner Behauptung scheint Tetens sagen zu wollen, dass ein philosophisches Paradigma vorherrscht und dass eine andere Sichtweise in einer unbegründeten Weise ignoriert wird. Tetens’ Buch ist dem Versuch gewidmet, das Spannungsverhältnis zwischen diesen Ansichten zu beleuchten und wenigstens eine gut begründete Alternative zu dem vorherrschenden Paradigma aufzuzeigen. Wir möchten Tetens’ Vorhaben zunächst in fünf Punkten darstellen, die die Hauptpfeiler seiner Argumentation ausmachen. Nach diesem überwiegend rekonstruktiven Teil folgt ein Kommentar zu den einzelnen Punkten. Wir werden dabei aus darstellungstechnischen bzw. interpretatorischen Gründen etwas von der Gedankenfolge im Buch abweichen. 

1. Was ist das vorherrschende Paradigma, das viele Philosophen dem Autor zufolge dazu bringt, konkurrierende Sichtweisen zu ignorieren? Für Tetens ist das der zeitgenössische Naturalismus in der theoretischen Philosophie, vor allem in der Philosophie des Geistes und Ontologie. Zumindest mit der These, dass der Naturalismus die westliche Philosophie (darum scheint es Tetens ausschließlich zu gehen) dominiert, hat der Autor sicherlich Recht. So spricht sich ein großer Teil der westlichen Philosophen für den Naturalismus aus (vgl. Bourget/Chalmers 2013). Der Naturalismus – darin besteht wohl Einigkeit – privilegiert in einer noch zu bestimmenden Hinsicht die Naturwissenschaften. Eines darf dabei jedoch nicht vergessen werden: „Der Naturalismus folgt nicht aus den Resultaten der Naturwissenschaften.“ (15) Die Hinsicht, in der er diese privilegiert, soll Tetens zufolge eine metaphysische sein, denn: „Er ist selber eine metaphysische Position, indem er die Wissenschaft zur Metaphysik erhebt.“ (ebd.) Was Tetens genau unter „Metaphysik“ versteht, wird unten, in Punkt 5 genauer erläutert.

Viel zentraler für Tetens’ Argumentation ist seine These der „Stagnation des Naturalismus“. (21) Was bedeutet das? Er führt vier, teilweise schon aus der Debatte bekannte Argumente an, die zeigen sollen, dass die für den Naturalismus typischen Versuche, die Untersuchung aller Lebensbereiche an die Naturwissenschaften zu delegieren, nicht vorwärts kommen. Hier wollen wir uns nur auf das erste Argument konzentrieren und diesen Wortlaut zitieren, da es uns als dasjenige Argument erscheint, das die Naturalisten am intensivsten herausfordert:

(Tet) (i) „Für jede in der Beobachterperspektive vollzogene Beschreibung von Tatsachen, die eine bestimmte Person betreffen, muss diese Person [sobald sie diese Beschreibung auf sich selbst bezieht, DM/BS] noch den Gedanken in der Erste-Person-Perspektive in Ich-Sätzen vollziehen, dass sie es ist, von der die Beschreibung handelt.“

(ii) „Diese Ich-Sätze, in der eine Person sich selbst identifiziert, sind nicht Teil einer erfahrungswissenschaftlichen Beschreibung der Wirklichkeit.“

(iii) „Ohne diese Selbstidentifizierung von Personen ist aber jede erfahrungswissenschaftliche Beschreibung von Personen unvollständig.“

(K) „Also sind erfahrungswissenschaftliche Beschreibungen von Personen unvollständig.“ (23)

Wir haben die erste Prämisse aus Plausibilitätsgründen etwas erweitert, was sie zwar zu einer Trivialität macht, die aber dennoch für Tetens’ Argumentation wichtig bleibt.

(Tet) lässt sich auf zweifache Weise lesen: Der schwächeren Lesart zufolge möchte Tetens die Möglichkeit offen lassen, dass empirische Ergebnisse doch den Naturalismus stärken werden – und zwar soweit, dass selbst Tetens „Partei für den Naturalismus […] ergreifen würde.“ (85) Wir sollten demnach also annehmen, dass auch Ich-Sätze prinzipiell Teil einer erfahrungswissenschaftlichen Beschreibung der Wirklichkeit sein können (auch wenn wir diese Beschreibung zur Zeit noch nicht kennen). Diese Deutung scheint uns aber im folgenden Sinne witzlos zu sein: Die Lesart würde nahelegen, dass die erfahrungswissenschaftliche Betrachtung des Menschen bloß noch nicht weit genug fortgeschritten ist. Dem würde allerdings kaum ein Naturalist widersprechen. Die stärkere Lesart dagegen würde lauten, dass Ich-Sätze prinzipiell nicht empirisch beschreibbar sind. Damit tritt (Tet) mit einer Notwendigkeitsbehauptung und dem Anspruch eines finalen Schlages gegen den Naturalismus auf. Da diese Deutung etwas naheliegender ist, werden wir nur diese in unserem Kommentar diskutieren.

2. Eine Alternative zum Naturalismus aufzuzeigen heißt, eine Position darzustellen, deren Annahme mindestens genauso rational ist wie die des Naturalismus. Nachvollziehbarerweise fragt Tetens jedoch zunächst: „Was heißt in diesem Kontext ‚vernünftig‘?“ und antwortet: „Das können wir nicht grundsätzlich beantworten.“ (8) Er stützt sich nicht auf allgemein anerkannte und notwendige Rationalitätskriterien, sondern geht lediglich von fünf Intuitionen hinsichtlich vernünftiger Argumentation gegen den Naturalismus aus (vgl. ebd.). Für diesen Zug spricht, dass die Philosophiegeschichte gezeigt hat, wie schwierig es ist, allgemeingültige Kriterien der Rationalität aufzustellen. Trotzdem wird auch im Kontext der Debatten um den Naturalismus über Vernunft philosophiert, so dass der Autor auf solche Kriterien genauso wie in diesen Debatten nicht angewiesen ist. Tetens’ Intuitionen deuten wir folgendermaßen: 

a) Die Alternative muss in irgendeinem Sinne einen wissenschaftlichen Realismus implizieren, d.h. wir glauben daran, „dass die Erfahrungswelt im wesentlichen genauso ist, wie die Wissenschaften sie beschreiben und erklären.“ (ebd.) Die besagte Alternative darf diesen Ergebnissen nicht widersprechen. 

b) Naturgesetze müssen so aufgefasst werden, dass sie keine einmaligen Ausnahmen zulassen. Die Annahme solcher Ausnahmen bezeichnet Tetens als „Wunderglauben“ (ebd.), dem dieser Intuition nach eine Absage erteilt werden müsse.

c) Logische Gesetze sind unumstößlich, wobei Tetens nur an die klassische, bivalente Logik denkt. 

d) Die Einführung der Alternative sollte nur dialektisch passieren, d.h. nur dann, wenn sich der Naturalismus mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert sehen muss und nur dann, wenn die Alternative weniger und/oder kleinere Hindernisse zu überwinden hat.

e) Die Alternative sollte auf Letztbegründungen verzichten und damit der philosophiegeschichtlichen Tatsache Rechnung tragen, dass die meisten Versuche, Letztbegründungen aufzustellen als gescheitert angesehen werden müssen.

Viele, wenn auch nicht alle Naturalisten, würden wohl diesen Intuitionen zustimmen, sodass eine gemeinsame Argumentationsgrundlage etabliert wird. Dazu muss allerdings gesagt werden, dass a) und b) nicht nur als Intuitionen der Naturalisten angesehen werden müssen, oft sind sie sogar das Ziel naturalistischer Argumentation. Darauf kommen wir gleich zurück. 

3. Die wohl überraschendste These des Buches lautet: Die Alternative zum Naturalismus ist ein rational begründeter Theismus. Tetens orientiert sich zwar grob am christlichen Gottesbegriff, doch gemäß den fünf Intuitionen vollbringt Gott weder Wunder, noch setzt er die Gesetze der klassischen Logik außer Kraft. Da Gott außerdem gütig ist, täuscht er uns in unserer Annahme des wissenschaftlichen Realismus nicht. Tetens führt zwei Argumente für seine Alternative zum Naturalismus an: Ein kosmologisches und ein moralisches Argument. Wir wenden uns zuerst dem kosmologischen zu (vgl. 51).

Tetens bereitet das kosmologische Argument vor, indem er Gott als unendliches vernünftiges Ich-Subjekt erläutert, das uns endliche vernünftige Ich-Subjekte geschaffen hat. Endliche Ich-Subjekte sind nach Tetens begrenzte Ich-Subjekte, wobei diese Begrenztheit sich vor allem darin zeigt, dass wir anderen Ich-Subjekten begegnen. Aus dem Umstand, dass wir anderen Ich-Subjekten begegnen, folgt nach Tetens, dass wir „für einander in Materie verkörperte Ich-Subjekte“ (31) sind, weil nur Materie als Vermittler Begegnung erlaubt. Nach der in diesem Begriff verkörperter Ich-Subjekte gedachten Verbindung von Körper und Geist bildet der menschliche Körper jedoch lediglich eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für das Vorliegen von Mentalem. Eine stärkere Verbindung von Körper und Geist müsste die verteidigte Ursprünglichkeit der Ich-Perspektive aufheben und im Naturalismus enden, weil wir dann über die hinreichenden und notwendigen physischen Bedingungen das Subjekt vollständig beschreiben könnten. Das unendliche vernünftige Ich-Subjekt Gott bestimmt Tetens als Schöpfer einer Welt, in der wir als vernünftige Ich-Subjekte vorkommen können. Das schließt nach Tetens ein, dass in dieser Welt unsere Naturgesetze gelten, denn nur unter dieser Voraussetzung ist auch ein Leben als Ich-Subjekt möglich, das sich Ziele setzt und diese Ziele im Umgang mit der Welt zu verwirklichen versucht. (vgl. 42f.) Dieser Zusammenhang erlaubt Tetens den ersten Zug in seiner kosmologischen Argumentation, mit dem er zeigt, dass Naturalismus und Theismus gleichermaßen vernünftig sind. Denn wenn Gott uns nur schaffen kann, indem er zugleich eine Welt schafft, in der die Naturgesetze gelten, dann ist der Theismus ebenso mit einem naturwissenschaftlichen Verständnis der Erfahrungswelt vereinbar wie der Naturalismus. Die zweite, weitergehende Behauptung, dass der Theismus dem Naturalismus vorzuziehen sei, kann Tetens nach seiner begrifflichen Vorarbeit darauf stützen, dass es im Theismus nicht rätselhaft ist, warum wir als Ich-Subjekte in dieser Welt in einem menschlichen Körper vorkommen. Der Theismus kann endliche Ich-Subjekte nämlich als göttliche Geschöpfe vollständig erklären, während der Naturalismus sie im Rahmen seiner Erklärungsleistungen nur verfehlen kann, weil ihm die Ich-Perspektive stets entgehen muss. (vgl. 53)

4. Das im anschließenden Kapitel entwickelte moralische Argument soll zeigen, dass es im Vergleich mit dem Naturalismus nicht nur vernünftiger ist, an Gott zu glauben, sondern dass es auch vernünftiger ist, auf Gott als Erlöser zu hoffen. Unter Erlösung versteht Tetens die endgültige Überwindung von Übel und Leid, denen wir als Menschen ausgesetzt sind. (59) Eine Quelle von Leid sind wir selbst. Nach Tetens ist das so, weil unsere Existenz als freie Ich-Subjekte impliziert, dass wir auch die Möglichkeit haben, Böses zu tun. (62) Daneben werden wir auch von Krankheit und Leid heimgesucht, ohne dass andere Menschen dafür verantwortlich sind. Nach Tetens ist die Frage, warum Gott Menschen immer wieder an physischen Übeln leiden lässt, nicht befriedigend zu beantworten. Zumindest diese Seite des Theodizeeproblems sei im Rahmen rationaler Theologie auch nicht zu lösen. (vgl. 72) Tetens gesteht dies ein, sieht darin jedoch eine Schwäche des Theismus, aus der der Naturalismus keinen Gewinn schlagen kann, weil er gleichermaßen von ihr betroffen ist. (vgl. 79) Die endgültige Überwindung der moralischen Übel ermöglicht Gott dadurch, dass er uns als sterbliche Wesen schafft. Dadurch wird zuallererst der Möglichkeit, in dieser Welt Leid zu erzeugen, ein Ende gesetzt. Wieter lässt es sich aber auch vernünftig denken, dass Gott uns in einer Welt jenseits unserer geteilten Erfahrungswelt wiederverkörpert. Diese Welt kann Gott mit leicht modifizierten Naturgesetzen gestaltet haben, die physisches Leid verhindern, wodurch ein Ende des Leidens in Aussicht gestellt wird, das nicht mit dem Ende der Existenz zusammenfällt. Vor allem bietet die erlöste Welt aber Raum für ein Gerichtsszenario, in dem jeder einzelne mit seiner Schuld konfrontiert wird und seine Opfer um Verzeihung bitten kann. In dieser Konzeption der erlösten Welt liegt unseres Erachtens eine Spannung, die Tetens nicht diskutiert: Weil wir als freie Subjekte wiederverkörpert werden müssen, damit Versöhnung als freier Akt stattfinden kann, muss das Böse weiterhin ebenso in unserer Macht stehen wie das Gute. Damit ist in der erlösten Welt mit moralischen Übeln zu rechnen, die sie erlösungsbedürftig macht – und dies scheint auf einen Regress von erlösten und gleichzeitig erlösungsbedürftigen Welten hinauszulaufen. 

Tetens sieht den Gewinn dieser Möglichkeit von Erlösung darin, dass sie den Theisten in die Lage versetzt, gegen Übel und Leiden in der Welt in der Hoffnung auf Erlösung anzugehen, wogegen der Naturalist dazu nur im Rahmen „problematischer Haltungen“ (78) in der Lage ist. Genau darin besteht die Konsequenz des moralischen Arguments. Der Naturalist hat keine Möglichkeit, eine Überwindung von Leid und Übel zu denken, insbesondere weil Opfer und Täter früher oder später sterben. Damit „müssen sehr viele moralische Übel ungesühnt“ (64) bleiben. Daher kann der Naturalist sich nur zynisch gegen das Leid verschließen, tragisch ohne Aussicht auf Erfolg dagegen ankämpfen oder in „selbstzerstörerischen Selbsterlösungswahn“ (78) verfallen.

5. Schließlich kommen wir zu Tetens’ metaphilosophischer Grundausrichtung. Unter diesem Begriff verstehen wir seine Einstellung zu der Frage, was Philosophie – und somit die Metaphysik als Teil der Philosophie – leisten soll. Diese Einstellung beeinflusst damit sein Metaphysikverständnis, das – wie oben gesagt – seiner Charakterisierung des Naturalismus und somit der von ihm aufgezeigten theistischen Alternative zugrunde liegt. „Metaphysik“ ist für Tetens nicht einfach synonym mit „Ontologie“ zu gebrauchen, vielmehr besitzt sie auch eine epistemologische Komponente:

Jede Metaphysik muss ontologische Auskünfte über das, was der Fall ist, und erkenntnistheoretische Auskünfte darüber, was wir auf welche Weise von der Wirklichkeit erkennen, auf kohärente Weise miteinander verknüpfen. (18)

Der Naturalismus erfüllt diese Forderung, da sie in der Grundbehauptung des Naturalisten – so wie Tetens diese versteht – eingebaut ist: „Der Naturalist behauptet […]: Es gibt nur die durch die Wissenschaft erkennbare Erfahrungswelt.“ (21, unsere Hervorhebungen) Warum aber dieses Metaphysikverständnis? Am besten lassen wir hierfür Tetens selbst sprechen:

Philosophie fragt nach der besonderen Stellung des Menschen im Ganzen der Wirklichkeit, und sie fragt danach vor dem Hintergrund der Suche des Menschen nach dem Glück und einem gelingenden Leben. Diese Leitfrage verlangt von Philosophen, sich darüber im klaren zu werden, welche grundlegenden Arten von Gegenständen es gibt und wie diese so miteinander zusammenhängen, dass sie Bestandteile ein und derselben Welt bilden. Es ist die Metaphysik, die auf die[se] Frage […] zu antworten versucht. (16)

Aus unserer Besprechung sollte deutlich geworden sein, dass die fünf Hauptpfeiler von Tetens’ Argumentation in einem begründenden Zusammenhang stehen. In der folgenden kritischen Auseinandersetzung werden wir diesen Zusammenhang berücksichtigen, die Punkte aber dennoch einzeln kommentieren.

Zu 1.: Liest man das Argument (Tet) in der oben erläuterten stärkeren Deutung, möchte Tetens die Ansicht durchsetzen, dass die Metaphysik des Naturalismus notwendigerweise defizitär bleibe, weil sie die Erste-Person-Perspektive, die wir mittels „Ich-Sätzen“ ausdrücken, nicht integrieren könne. Wir sehen auch keinen Weg, wie man die Ich-Perspektive in die naturalistische Metaphysik integrieren kann. Doch daraus folgt nicht, dass der Naturalismus notwendigerweise unvollständig ist. Eine Naturalistin kann zum Beispiel einen eliminativistischen Standpunkt einnehmen und die Ich-Perspektive für verzichtbar erklären. Natürlich ist der Eliminativismus keine attraktive Position, doch auch diese muss zurückgewiesen werden, und hierfür braucht man ein Argument, das die Unverzichtbarkeit und Unhintergehbarkeit der Ich-Perspektive nicht schon voraussetzt. Ein solches Argument bringt Tetens jedoch (leider) nicht. Ganz ähnlich sieht es auch Peter Rohs in seiner Auseinandersetzung mit Tetens’ Buch (vgl. Rohs 2016: 127).

Zu 2.: Die von Tetens angeführten fünf Intuitionen zu der Frage, was in dem von ihm thematisierten Kontext „vernünftig“ heißt, finden wir plausibel. Was jedoch auch hier fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit konkurrierenden wissenschaftstheoretischen (nicht-theistischen) Konzeptionen. So lässt sich fragen, weshalb nicht eine Version des wissenschaftstheoretischen Antirealismus wie etwa der Instrumentalismus Nancy Cartrights besprochen wird. Uns scheint, dass dieses Problem nur ein Teil eines größeren Desiderates ist: Tetens konzentriert sich auf die Gegenüberstellung von Naturalismus und Theismus. Was aber ist mit dem atheistischen Anti-Naturalismus? Tetens verweist zwar in einer Fußnote (vgl. 28, FN 25) auf Thomas Nagels Buch Mind & Cosmos, in dem für diese Position argumentiert wird, eine nähere Auseinandersetzung mit dieser Alternative fehlt aber. (vgl. auch Rohs’ Plädoyer für einen kantischen Antinaturalismus in Rohs 2016: 126)

Zu 3.: Mit dem kosmologischen Argument löst Tetens den Anspruch ein, den Theismus dialektisch als Überwindung der Schwächen des Naturalismus deutlich werden zu lassen. Dieser Zusammenhang ist jedoch nur auf den ersten Blick überzeugend. Denn die Schwäche des Naturalismus wird auch auf rationale Weise in einer Metaphysik überwunden, die die Wirklichkeit endlicher Ich-Subjekte akzeptiert anstatt sie zu leugnen. Wenn es schlüssig ist, dass wir uns als von Gott gewollte endliche Subjekte in einer von Naturgesetzen bestimmten Welt verstehen, dann ist es auch schlüssig, dass wir uns ohne Gott als diese Subjekte begreifen. Nur wenn in der Metaphysik auch noch die Frage beantwortet werden soll, warum es uns und die Welt so gibt, wie sie eben ist, oder mehr noch die Frage, wie wir uns als von einer höheren Instanz gewollt verstehen können, liefert der Theismus eine angemessene Antwort, ansonsten scheint die dialektische Bewegung weit über das Ziel hinaus zu schießen. Sie suggeriert, dass eine systematische Verbindung zwischen Gott und der Möglichkeit besteht, uns als endliche Ich-Subjekte als Teil der Wirklichkeit zu begreifen. Bestenfalls eröffnet dieses Selbstverständnis als endliche Vernunftsubjekte aber die Möglichkeit, den Begriff eines unendlichen Vernunftsubjekts zu bilden. Es schließt nicht ein, dass endliche Vernunftsubjekte sich nur von Gott her denken können.

Zu 4.: Die Stärke des moralischen Arguments hängt wesentlich davon ab, wie problematisch die Haltungen sind, die man ohne den Bezug auf Erlösung zum menschlichen Leid einnehmen kann. Unserer Ansicht nach geht Tetens hier allzu schnell vor. Zum einen geht er darüber hinweg, dass wir selbst noch in dieser Welt die „Opfer und Täter der Leiden“ nicht „verloren geben“ müssen (58), weil wir die Möglichkeit der Erinnerung und des Gedenkens haben. Dadurch wird das Leid nicht ungeschehen oder gut gemacht, aber das vermag auch das Leben in der erlösten Welt nicht. Zum anderen hat Tetens natürlich Recht, wenn er Resignation und Zynismus als problematisch bezeichnet. Weniger klar ist jedoch, in welchem Sinne der Einsatz gegen das Leiden in dem Bewusstsein, es nicht ungeschehen machen zu können, problematisch ist. Natürlich ist es eine unerschöpfliche Aufgabe, dem menschlichen Leiden zu begegnen, aber es ist nicht unvernünftig, sich unerschöpflicher Aufgaben anzunehmen, weil sich Teile dieser Aufgaben doch immerhin erfüllen lassen. Und selbstverständlich kann die Erfahrung von Leid und Unrecht zu Verzweiflung führen, unausweichlich scheint Verzweiflung jedoch erst, wenn es keinen Spielraum im Helfen und Gedenken mehr gibt. Umgekehrt ist es gar nicht so abwegig, die Hoffnung auf Erlösung zu problematisieren. Schließlich liegt der Verdacht nahe, dass das Vertrauen auf eine zukünftige transzendente Erlösung der diesseitigen Forderung nach Hilfe und Gedenken ihre Dringlichkeit nimmt.

Zu 5.: Die zitierte metaphilosophische Grundausrichtung, die Tetens’ Argumentation zugrunde liegt, ist eine nachvollziehbare metaphilosophische Sichtweise, d.h. eine normative Voraussetzung hinsichtlich des Zieles bzw. der Leistung von Philosophie (und ipso facto Metaphysik). Die Schwierigkeit ist aber, dass es eben nur eine unter vielen ist. Sicherlich würden Philosophen, die therapeutische Philosophieverständnisse wie die des späten Wittgensteins oder Rortys vertreten, Tetens’ Ansichten zur Metaphilosophie bzw. Metaphysik nicht teilen. Weshalb soll aber der Leser dies tun? Tetens verzichtet darauf, hierfür eine Begründung zu liefern. Da aber seine Darstellung von seinem Philosophieverständnis abhängt, weist seine Argumentation damit ein Begründungsdefizit auf.

Nichtsdestotrotz sehen wir weniger in der theistischen These von Tetens, sondern gerade in der metaphilosophischen Dimension die Stärke des Buches. Das bedeutet: Selbst eingefleischte philosophische Atheisten können und sollten unseres Erachtens Tetens’ Diagnose des heutigen Zustands in der westlichen theoretischen Philosophie zustimmen, ohne sich von Tetens zum Theismus gedrängt zu fühlen. Mit dem metaphilosophischen Aspekt schließt sich der Kreis zu dem Zitat, das wir am Beginn aufgeführt haben: Tetens weist darauf hin, dass auch eine so selbstreflexive Disziplin wie die Philosophie vor der Gefahr einer unreflektierten Entwicklung eines Mainstreams nicht gefeit ist. Begreift man die Philosophie als eine vom Streit getragene Tätigkeit, dann ist diese Leistung als ein Beitrag gegen Dogmatismus aufzufassen. Und das halten wir für nötig und ehrenwert.

Literatur

Bourget, David, und David Chalmers. „What do philosophers believe?“ Philosophical Studies 170.3 (2013), 465–500.

Nagel, Thomas. Mind & Cosmos. Why the Materialist Neo-Darwinian Conception of Nature Is Almost Certainly False. New York: Oxford University Press, 2012.

Rohs, Peter. „Worauf gründet sich die Vernünftigkeit des Theismus. Eine Auseinandersetzung mit Tetens’ Gott denken – ein Versuch über rationale Thologie.“ Zeitschrift für philosophische Forschung 70.1 (2016), 125–134.

© 2017 Zeitschrift für philosophische Literatur, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE

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