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Hare, Peter H.: Pragmatism with Purpose. Selected Writings. New York: Fordham University Press 2015. 332 Seiten [ISBN 0823264327]

Rezensiert von Guido Karl Tamponi (Universität Potsdam)

Mehr als 500 Jahre nach der europäischen Entdeckung des geographischen Amerikas ist das philosophische Amerika diesseits des Atlantiks nach wie vor ein unentdeckter Kontinent. Insbesondere was die deutsche Forschung betrifft, verharrt es – nur etwas polemisch überspitzt gesagt – noch immer in einem präkolumbianischen Zustand. So dominant der transatlantische Einfluss in allen Bereichen des täglichen Lebens sowohl im Hinblick auf den ökonomischen Unterbau wie den kulturell-ideologischen Überbau auch sein mag, scheint doch der Blick des Großteils der einheimischen Institute gen Übersee von Neugierde auffallend befreit zu sein. Dies zeigt sich auch an den wenigen Ausnahmen, in denen sich die europäische Philosophie der amerikanischen gegenüber geöffnet hat: die europäische Rezeption der analytischen Philosophie sowie des Pragmatismus. Im Falle der analytischen Philosophie handelt es sich eher um einen Rückimport dessen, was dereinst aus Europa selbst exportiert wurde (historisch akkurater: exilieren musste). Ein Export samt der ironischen Folgeerscheinung, dass mit ihm das womöglich klassischste der europäischen Vorurteile gegenüber den USA – eine durchweg geschichtslose Nation zu sein – selbst bewahrheitet schien: So setzte das inneramerikanisch-akademische Einnisten der ahistorisch-methodologischen Reflexionen des logischen Positivismus samt der Entwicklungen, die von seinen Grundprämissen zehrten, eine künstliche „Demenz“ gegenüber den eigenen philosophischen Traditionen in Gang.1 Aus diesem Zustand führte erst die neo-pragmatistische Revolte um den Insurgenten Richard Rorty heraus, was eine „Renaissance des Pragmatismus“ auch hierzulande zur Folge hatte. Doch dass es sich bei diesem Ausbruch aus der geschichtslosen szientistischen „Weltentfremdung“ (Arendt) mehr um einen Einbruch einer neuen handelt, die die geschichtliche Schau2, vorsichtig formuliert, ebensowenig zum Anliegen obersten Ranges auserkoren hat, wird nicht zuletzt dadurch greifbar, dass man unschuldig pragmatistisch die deutsche Erforschung des Pragmatismus auf ihren Output an historischen Untersuchungen hin befragt. So entdeckt man, dass – neben einer Vielzahl von veritablen systematischen Studien zu einem, wenn auch domestizierten Kanon des ursprünglich weitaus wilderen „klassischen Pragmatismus“3 – die letzten größeren historischen Studien umfassenderer Bandbreite in deutscher Sprache in den 1950er Jahren und aus der amerikanischen Ferne selbst verfasst worden sind (Müller 1950, Marcuse 1959).4 In transatlantischer Hinsicht liegen die Forschungsdesiderata der Gegenwart und Zukunft in der Vergangenheit, und dies im doppelten Sinne: als Aufgabe der Aufarbeitung der philosophischen Vergangenheit und als Tatsache, wie dieser bereits in der Vergangenheit nachgegangen wurde.

Dass die europäische respektive deutsche Forschung bei dieser Vergangenheitsbewältigung keineswegs bei Null anzufangen hätte, sondern auf eine inzwischen riesige Bibliothek ideengeschichtlicher Selbsterkundungen der „Neuen Welt“, die eben schon lange keine mehr ist, zurückgreifen kann (und muss), belegt auch der hier zur Besprechung anstehende Band von Peter H. Hare (1935–2008), einem der einflussreichsten5 und zugleich unbekanntesten bedeutsamen Figuren der jüngeren amerikanischen Philosophie. Diese Rolle des unsichtbaren Riesen gründet wohl nicht zuletzt darin, dass Hare seinen Einfluss anders als eine medial exponierte „Campus Celebrity“ wie Rorty mehr als Strippenzieher hinter den Kulissen ausgeübt hat: als Präsident zahlreicher Gesellschaften wie der der New Yorker Dependence der American Philosophical Association (1975–77), der Charles S. Peirce Society (1976), der William James Society (2005) sowie der Society for Advancement of American Philosophy (1988–1990); oder als Ko-Herausgeber der wohl wichtigsten Publikationsplattform zur US-amerikanischen Philosophie: der Transactions of the Charles S. Peirce Society, als der er über 30 Jahre fungierte. In Anbetracht der geringen Anzahl von Monographien manifestiert sich Hares eigentliche Versatilität in einer unüberschaubaren Menge an Artikeln, aus der die Herausgeber – Joseph Palencik, Douglas R. Anderson und Steven A. Miller – des vorliegenden, posthum kompilierten Bandes so zu schöpfen wussten, dass tatsächlich ein angemessenes Panorama von Hares Interessen für und Perspektiven auf Autoren und Themen entstanden ist; ein Panorama, das immer auch als eines des Facettenreichtums des amerikanischen Denkens in nuce gelesen werden kann.

Im ersten Teil – „The Ethics of Belief“ – sind drei Essays gebündelt, in denen Hare einerseits das Theorem des „will to believe“ analytisch immanent „on Jamesian grounds“ (34) untersucht, um es dreigliedrig und damit komplexer zu konzipieren, als dies üblicherweise geschieht, und in denen er andererseits dafür argumentiert, dass dem James’schen Erbe von „overbeliefs“ in epistemologischen Debatten der Gegenwart auch weiterhin Relevanz beizumessen ist. Dem ersten Anliegen kommt Hare nach, indem er den Vorwurf entkräftet, mit dem die Verteidigung des Glaubens jenseits von wissenschaftlich beweisbaren Tatsachen gängigerweise konfrontiert wird: Es handle sich dabei um die Öffnung der Büchse der Pandora, die allen möglichen Irrationalitäten Raum zur Entfaltung eröffne. Demgegenüber macht Hare deutlich, dass James das Konzept des „will to believe“ nur innerhalb einer „ethics of belief“ gelten lassen will, welche die Gefahr der Irrationalitätsemergenz bannen soll.6 Diese Glaubensethik enthält zwei „epistemic duties“ (48): Zum einen eine „duty of attention“, nach der es eine Verpflichtung geben soll, aktiv nach Evidenz auf dem entsprechenden Feld zu suchen, bevor von einem legitimen Glauben gesprochen werden kann. Zum anderen bindet James diesen an eine „duty of accord“, wonach bei Aufkommen von „‚sufficient’ intellectual (i.e., logical and observational) evidence“ (40) sich dieser Glaube dementsprechend anzupassen hat.

All dies bildet für Hare nicht nur eine historisch interessante Untersuchung, sondern soll einen Debattenbeitrag zur gegenwärtigen Epistemologie darstellen, nachdem diese wiederum ihre Sicht auf den Dualismus des Epistemischen und des Nicht-Epistemischen als sauber getrennte Bereiche in den letzten Jahrzehnten sukzessive revidiert habe und beispielsweise der individuellen wie sozialen „context-dependence of rationality“ prominenten Stellenwert habe zukommen lassen: qua Würdigung von „epistemic virtues“, welche der „agent must manifest in prior actions if the resultant belief is to qualify as epistemically justified“ (64), oder qua „social nature of knowledge“ (65). Kurzum: die Antwort auf die Frage nach der Wahrheit sucht die Epistemologie immer seltener in einer „self-contained realm“ (67) und inkludiert im gleichen Maße immer mehr pragmatistische Elemente, um sich damit in einer „natural development of William James’s views“ (67) wiederzufinden. Eine realistische, die Lebenswelt widerspiegelnde Behandlung des Problems des Erkennens kann also nicht die eines „epistemic ascetism“ sein, wo eben nur noch das als Wissen angenommen werden darf, was evidenzbasiert ist. Vielmehr hat für Hare nur die Epistemologie Hand und Fuß, die anerkennt, dass sich ihr praktisches Spannungsfeld zwischen „overbeliefs“ und „underbeliefs“ erstreckt, zwischen „overbeliefs“ als „belief[s] transcending the evidence“ (45) und einer kontextabhängig angemessenen Skepsis gegenüber einem Glaubensüberschuss in Anbetracht von Evidenz, ohne dabei ins Gegenteil der praktischen Paralyse durch „underbeliefs“ zu verfallen, wonach nur auf Basis von letzter Evidenz gehandelt wird: „the underbeliever refuses to act on probabilities.“ (71) Eine Aufgabe epistemologischer Untersuchungen, die die ethischen Fragen des Möglichen (was angenommen werden kann) und Nötigen (was angenommen werden muss) miteinbezieht und die damit in der vorgängig dargestellten „ethics of belief“ mindestens einen Beitrag finden kann. Ausführungen dazu, wie dieser nun konkret aussehen könnte, bleibt Hare jedoch schuldig.

Im zweiten Teil – „Reflections on Classical Pragmatism“ – sticht neben einer geschichtlichen Darstellung der Peirce Society seit ihrer Gründung, die gleichzeitig ein historisches Verständnis des prima facie so wundersam späten Interesses am Gründervater des Pragmatismus innerhalb der Pragmatismus-Rezeption ermöglicht, vor allem der Aufsatz zur „American Philosophical Tradition as Progressively Enriched Naturalismus“ hervor. Dies nicht nur, weil dieser eine der wenigen Stellen einer starken Selbstverortung des Autors enthält – „I share a firm commitment to American pragmatic naturalism“ (117) –, sondern weil er trotz seiner Kürze ein geschichtsphilosophisches Großnarrativ für die gesamte amerikanische Philosophiegeschichte als wesentlich den Naturalismus sukzessive vertiefendes Denken anbietet; eine quasi-teleologische Entwicklung, welche den Naturalismus stetig um Facetten, und dies nicht zuletzt durch affirmative Pluralisierung seiner transatlantischen Bezüge, erweitert – von Aristoteles, Kant, Darwin bis Marx. Der Pragmatismus erscheint in dieser geschichtsphilosophischen Perspektive nun nicht mehr, wie in der verkürzenden „kolonialen“ Perspektive Europas allzu oft pejorativ dekretiert, als der ureigenste, ja einzige Sprössling des amerikanischen Mindset, „chief American claim to importance and distinctiveness“ (118), sondern nur als ein Sprössling, insofern auch der Pragmatismus Teil des umfassenderen naturalistischen Projekts ist. Hare kann sich somit überzeugt zeigen, dass Rorty, der größte Naturalismus-Kritiker seiner Zeit, gegen die weitere Ebnung des genuin amerikanischen Weges im Reich des Geistes nicht anzukommen vermag: „The American naturalist tradition is too resilient and resourceful to be seriously threatened by Rorty.“ (119)

Im dritten Teil – „Naturalism, Holism, Contextualism“ – kann man nach der Kritik der Trennung des Epistemischen und Nicht-Epistemischen einem weiteren Angriff Hares auf einen Dualismus beiwohnen: dem auf den Dualismus des Normativen und Deskriptiven zugunsten eines „thick holism“ (150). Dieser stellt für Hare die Fortsetzung eines Trends innerhalb der Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seit W.V.O. Quines „Two Dogmas of Empiricism“ (1951) dar: des Trends eines „thickening holistic pragmatism“ (133). Dabei steht „thickening“ dafür, dass Quines „thin holism“, wonach Einzelaussagen immer holistisch im Verbund mit anderen stehen, nicht nur den wissenschaftlichen Bereich allein, sondern auch den normativen Bereich mitumfassen soll, sodass die „epistemological distinction between the testing of the two types of sentences“ (143), d.h. von Sollens- und Seinssätzen, gänzlich überwunden wird. Diese Entwicklung führt zu einer allinklusiven, der Interdisziplinarität bedürfenden wie sie fördernden Beschreibung des Menschlichen, mit der die Philosophie disziplinär, wie ein Blick auf Clifford Geertz‘ Konzept „Dichter Beschreibung“ versichern soll (148f.), nicht alleine dasteht.

Der vierte Teil – „The Philosophy of Religion“ – bietet eine gemessen an den vorangehenden, innerhalb der amerikanischen Philosophietradition eher konventionellen Topoi unerwartete Thematisierung des Problems des Bösen. War die amerikanische Philosophie durchaus und auch unabhängig von europäischer Klischeebildung spätestens seit der optimistischen Revision des flagellistischen Puritanismus der Anfangsjahre durch Emerson – mit Ausnahme von Josiah Royce und Reinhold Niebuhr – mehr mit Gelingen und Fortschritt statt mit Tragischem beschäftigt7, so rückt Hare im gleichnamigen Aufsatz das „problem of evil“ derartig ins Zentrum, dass ihm jeder Versuch einer theistischen Theodizee – sei es, wie von ihm behandelt, der in der Version von Karl Barth oder der von Paul Tillich – wie eine inhumane „evasion“ erscheint: „Now the point is that there is prima facie gratuitous evil in the world which never gets resolved by the recurring combinations of old solutions, a deficiency which suggests that there is a real incompatibility or nonmatching of beliefs in a theistic framework.“ (158f.) Ein negatives Ergebnis, das quergelesen werden kann mit dem positiven Ergebnis eines in diesem Unterkapitel ebenso abgedruckten Gesprächs zwischen Hare und seinem Kollegen John Ryder über die Metaphysik von Justus Buchler, in der Hare seine Sympathie für eine Prozesstheologie in der Folge Whiteheads durchscheinen lässt. Diese ermöglicht es wiederum, einen weiteren Dualismus hinter sich zu lassen, nämlich dadurch, dass sie sich zwischen die klassische Vorstellung eines souveränen „creator God“ und die Vorstellung eines komplett auf die Erde heruntergeholten, quasi-atheistischen Gottes als „human symbol of the unity of social ideals“ (183), wie sie bei Dewey vorzufinden ist, positioniert: „There is much metaphysical room between the extreme of traditional theism and the extreme of religious humanism.“ (ebd.) Eine Elaborierung dessen, was Hare in diesem metaphysischen Raum vorzufinden gedenkt, bleibt jedoch auch hier aus. Allein, es verwundert nicht, dass der sowohl intraphilosophisch wie interdisziplinär auf Verbindendes statt Trennendes bedachte Hare andernorts über das scheinbar sämtliches Wissen seiner Zeit integrierende Universalgenie Whitehead schreibt, dass er in ihm das „exemplar of the multidisciplinary integration I sought“ (19) vorfand – und mit ihm gleichzeitig sein Dissertationsthema.

Der fünfte Teil des Buchs – „Philosophy Past and Future“ – wartet neben einem kurzen Artikel, in dem Hare um die Anerkennung von Royce als zweiten, gar früheren Ursprung des symbolischen Interaktionismus neben dem allseits bekannten George H. Mead wirbt, mit einem weiteren auf, der durch seine Einnahme des exklusiv auf die amerikanische Philosophie gerichteten Blicks mehr Themen- und Thesen-Variationen des zweiten Kapitels durchspielt, als Neues auszuloten. Wie zuvor macht Hare deutlich, dass „America’s greatest philosophical strength“ in der kreativen „absorption of ideas from abroad“ (202) liegt. Zwar ist das amerikanische Denken damit in Anbetracht von Entwicklungen wie der Monopolbildung des Englischen innerhalb internationaler Forschung sowie des Internets als ihres technischen Vehikels grundsätzlich gut für die Zukunft gewappnet, doch sollte es diesen ihm inhärenten Bonus, national international zu sein, bewusster forcieren, d.h. die Neugierde auf das „Fremde“ fördern, ohne dabei in einen „Western triumphalism and a kind of naive paternalism“ (198) umzukippen. Im kleinen Institutsrahmen kann Hare dabei wohl selber als „exemplary person“ seiner eigenen antireduktionistischen Inklusions-Maxime gelten, hat er doch als Leiter des Instituts in Buffalo („perhaps more pluralistic than any department before or since“, 20) über Jahrzehnte hinweg eine „multidisciplinary integration“ mit seinem ihm eigenen „irenic impulse“ (20) und „temperamental craving for inclusiveness and connectedness“ (19) zustande gebracht, wie es in den zu Beginn des Bandes abgedruckten „Autobiographical Occasions“ uneitel von ihm selbst als „Peter Hare brand of pedagogy“ (24) beschrieben wird. Hinsichtlich der Binnenbeziehung der Philosophie und der amerikanischen Gesellschaft plädiert Hare nun, „to make philosophy more public“ (204), und dies nicht nur, weil es die Gesellschaft ist, die die merkantil kaum wertschöpfend zu Buche schlagende Philosophie ermöglicht, sondern weil, mit Selbstbewusstsein intoniert, die Philosophie zu teilweise blind voranschreitenden Entwicklungen wie der Robotisierung und dem Auseinanderdriften von Disziplinen mit ihrem Blick für das Grundsätzliche und Vereinheitlichende eben doch einen Mehrwert beizutragen hat.

Im sechsten Teil – „Poetry” – kann man einen Fall der von Hare anvisierten Interdisziplinarität studieren, nämlich den zwischen Philosophie und Poesie, zum Nutzen beider. Er verbindet hier Überlegungen des philosophischen Poeten Wallace Stevens mit denen des poetischen Philosophen William James, um so einerseits zu einer philosophischen Rechtfertigung der Poesie im Zeitalter ihrer Marginalisierung und Legitimationskrise und andererseits zu einer poetischen Rechtfertigung der Philosophie zu gelangen: Wenn der Wert der Poesie mit Hare darin besteht, durch ihr Spielen mit Worten und Gedanken „realities otherwise inaccessible” (214) zu erschließen, so erklärt und rechtfertigt dieser epistemologische Wert der Poesie gleichzeitig die Metaphorik, die im Herzen einer jeden Philosophie ihr „Unwesen” treibt, als ein gerade (neuer) Wirklichkeit zugewandtes „deep conceptual play”.

Im Schlusskapitel – „Social Critique” – findet sich ein Reigen an Einlassungen Hares zu sozialpolitischen Problemstellungen, wie die der „civil disobedience”, die seit Thoreau in der amerikanischen politischen Literatur kursiert. In diesem Kontext wertet Hare entgegen einer „absolute commitment to nonviolence“ (257 – Herv. d. G.K.T.) auch Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung von Menschenrechten gegen ungerechtes positives Recht. Doch wird dieses prinzipielle Recht auf Gewalt als Abwehr von Unrecht, analog der oben genannten „ethics of belief” im Hinblick auf den Glauben ohne Evidenz, dadurch gezähmt, dass es als Ultima Ratio innerhalb einer „free society like that in the United States of America” (259), wo es genügend demokratische und rechtsstaatliche Möglichkeiten, Veränderungen in die Wege zu leiten, gebe, weitestgehend als obsolet gewertet wird. In einem weiteren Text bekennt sich Hare zur Selbstkritik der Linken, besonders der akademischen Linken, wie sie Rorty in „Achieving Our Country” (1998) vorlegte, wonach gerade diese einen patriotischen Glauben an das eigene Land als transzendentale Bedingung seiner Reformierbarkeit zum Besseren hin voraussetzen müsste: „The more the cultural Left paints a bleak picture of America’s possibilities, the less motivated American citizens, including members of the academy, are motivated to carry through the grinding tasks of political change.“ (281) Mit einer Diskussion über die Todesstrafe und die „arbitrariness“ (278), mit der diese verhängt wird, leistet Hare genau dies – als „hopeful patriot“, der er zu sein hofft. (289) Und doch scheinen, tritt man hermeneutisch einen Schritt zurück, die in diesen Texten verstreuten, nichtsdestotrotz flammenden Appelle an Akademiker und insbesondere diejenigen, „who specialize in pragmatism“ (285), sie sollten sich in einem weitaus größeren Maß als bisher an politischen Aktionen beteiligen, im Widerspruch oder zumindest Spannungsverhältnis zum Weber’schen Wissenschaftlichkeits-Ethos zu stehen, das Hare sonst hochhält. Ein Saul-Alinsky-artiger Sozialaktivismus, welcher vermutlich mehr, wie die Herausgeber einleitend notieren (243), im „occasional in nature“-Charakter der hier versammelten politischen Schriften Hares zu suchen ist, richtiger: zu suchen wäre, würde man denn erfahren, zu welchen Gelegenheiten die einzelnen Aufsätze denn jeweils erschienen sind.

Der Leser wird somit auch hier im Schlusskapitel zum Teil als Ratloser oder aber Ratender zurückgelassen angesichts der bloß erratischen Andeutungen, der Argumentationsstränge samt offener Enden all der Artikel und Gedanken, mit denen er bei der Lektüre konfrontiert wird, wobei diese sich durchziehende Sprunghaftigkeit und Vagheit zwei unterschiedlichen Gründen geschuldet ist: Liegt der erste in Hares pluralistischem Philosophiestil selber, so liegt der zweite in der editorischen Einrahmung und wäre damit vermeidbar gewesen.

Notwendig erscheint der Andeutungscharakter von vielem hier Zusammengetragenen, weil mit Hare ein Wissenschaftler die Feder führt, der durch das wesentliche Moment der Kooperation mit anderen Disziplinen und deren Wissenschaftlern Ergebnisse nicht einseitig dekretieren will und kann. Und, mehr noch, weil der Herausgeber der Transactions sich dem Ethos eines metaphilosophischen Editors amerikanischer Philosophie verpflichtet fühlt, d.h. der Sichtbarmachung einer in dieser Besprechung nur gestreiften Vielfalt statt einer Zuspitzung mittels eindeutiger Positionierung. Der poststrukturalistischen Nivellierung jeglicher Demarkation zwischen Wissenschaft und Literatur zugunsten der entgrenzten Totalisierung letzterer widerstehend, ist Hares Vorgehen – darin geradezu zu einem Anti-Rorty stilisierbar – das der Kärrnerarbeit wissenschaftlich diffizilen Abarbeitens, der „cooler review“ von Texten und Thesen.8 Kurzum: Hare tendierte nicht nur als Herausgeber, sondern auch in seinen Texten dazu, statt „heated partisan“ und „hot head[]“ (Margolis 2010, 7) mit steilen wie eingängigen Thesen im Schlepptau eine Figur des Hintergrunds, ein „philosopher’s philosopher“ (Lachs 2010, 78) zu sein.

Es ist demnach verständlich und rühmlich, bei diesem vielseitigen Schaffen Hares zu seinem Andenken einen ebenso vielschichtigen Band zu publizieren, doch hätte dieser editorisch auch aufgrund seines Selbstverständnisses, einen der Öffentlichkeit Unbekannten der amerikanischen Philosophie auf die Bühne zu führen, in besonderem Maße die Aufgabe gehabt, kontextualisierende Ordnung zu schaffen, biographisch sowie mit Blick auf die unterschiedlichen Debattenlagen, auf die die Texte reagieren. Und gerade diese editorisch-wissenschaftliche Minimalverpflichtung ist es, der die Herausgeber ohne ersichtliche Not und ausgerechnet bei einem derart der Professionalität verschriebenen Protagonisten nicht gerecht zu werden vermochten. Nicht nur sucht man Erläuterndes zu den Ko-Autoren (bes. Edward H. Madden) mancher Beiträge oder eine Bibliographie ebenso händeringend wie vergebens, auch bei den einzelnen Aufsätzen sind weder die ursprünglichen Veröffentlichungsorte noch -jahre genannt; ein hermeneutisches Einordnen unterschiedlicher Schwerpunkte bis hin zu (vermeintlichen) Brüchen wird damit unmöglich gemacht oder aber einseitig dem Leser durch mutmaßende Dechiffrierung zeitlicher Indizien innerhalb der Texte oder darüber hinausgehende Recherche aufgebürdet. Das von Colapietro verfasste Vorwort lässt das anfänglich geäußerte Vorhaben, Schlaglicht auf den Einfluss zu werfen, den James auf Hare zweifelsohne zeitlebens hatte, zügig wieder fallen, um zu einer Einführung zu James zu mutieren. Die „einführenden” Miniaturen, die jedem der neun Unterkapitel vorangestellt sind, gehen selten über die teilweise schon durch ihre litaneiartiger Wiederholung bei gleichzeitigem Ausbleiben von einholendem Anschauungsgehalt ins Komische kippenden „Versprechen” hinaus: Hare sei „not simply a historian of philosophical ideas” gewesen, denn „he contributed to a number of live epistemological and metaphysical debates” (123). Besonders augenfällig wird das herausgeberseitig solcherart Leerformelhafte in der Titelgebung: „Pragmatism with Purpose”, einer enigmatischen Begriffspaarung, die im gesamten Band nicht nur nicht erläutert, sondern nicht ein Mal mehr aufgegriffen wird, wo sie doch so erläuterungsbedürftig ist. Schließlich kann mit ihr unmöglich auf Zweckhaftigkeit im Allgemeinen abgehoben sein, ist doch Zweckhaftigkeit Kernelement eines jeden Pragmatismus.

So ist es nicht zuletzt auch der Titel, der die Interpretationskraft des Lesers (über-)fordert und je nach Anspruchshaltung, mit eindeutigeren Ergebnissen in der Hand das Buch schließen zu können, enttäuscht; statt jedoch als selbstgenügsame Abhandlungen gelesen zu werden, sollten die Texte vielmehr als Inspiration zu einer vertiefenden Beschäftigung mit den einzelnen Themen und den behandelten Autoren verstanden werden, die die amerikanische Philosophie zu bieten hat. Schon allein dadurch bildet diese Sammlung insbesondere für den deutschen Leser einen lohnenden philosophiewissenschaftlichen Anfang.

Literatur

Delbanco, Andrew. The Death of Satan. How Americans Have Lost the Sense of Evil. New York: Farrar, Straus and Giroux, 1995.

Diggins, J. P. The Promise of Pragmatism. Modernism and the Crisis of Knowledge and Authority. Chicago/London: Univ. of Chicago Press, 1994.

Lachs, John. „Grieving a Consummate Professional“, in: Transactions of the Charles S. Peirce Society: A Quarterly Journal in American Philosophy, Vol. 46, (1), 2010, pp. 78–81

Marcuse, Ludwig. Amerikanisches Philosophieren. Pragmatisten, Polytheisten, Tragiker. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1959.

Margolis, Joseph. „A Word of Thanks for Peter Hare’s Patience“, in: Transactions of the Charles S. Peirce Society: A Quarterly Journal in American Philosophy, Vol. 46, (1), 2010, pp. 3–8

Müller Gustav Emil. Amerikanische Philosophie. Stuttgart: Fr. Fromanns Verlag, 1950.

Rorty Richard. „Analytische Philosophie und verändernde Philosophie”, in: ders., Philosophie & die Zukunft. Essays. Frankfurt am Main: Fischer, 2000, S. 54–78

Thayer, H. Standish. Meaning and Action. A Critical History of Pragmatism. Indianapolis/Cambridge: Hackett Publishing, 1981.


  1. Zu dieser Lage der Eigenvergesslichkeit des amerikanischen Denkens durch die Vertreibung der Philosophiegeschichte mit der Etablierung der analytischen Philosophie an US-Hochschulen: Rorty (1998).

  2. Keineswegs scheint dies allein an historisch kontingenten Umständen zu liegen, sondern wohl vor allem am den Pragmatismus charakterisierenden Fokus auf zukünftige Folgewirkungsbetrachtung gegenwärtiger Praktiken. Dementsprechend wie auch bezeichnenderweise sind die profundesten Ideengeschichten des Pragmatismus selber von zwei diesen zwar nicht ablehnenden, aber durchaus kritisch gegenüberstehenden Autoren verfasst: Thayer (1981) und Diggins (1994).

  3. Um diese eventuell kontrovers wirkende These künstlicher Verengung des Pragmatismus hier, an einem Ort, an dem sie nicht ausführlich begründet zu werden vermag, doch zumindest initial zu plausibilisieren, seien vier mehr oder weniger komplett absente Personen innerhalb der deutschen Pragmatismus-Rezeption genannt: Chauncey Wright, Oliver Wendell Holmes Jr., F.C.S. Schiller, C.I. Lewis.

  4. Die Amerikanistik wird hier in ihrer selbstredend größeren Leistung bewusst ignoriert.

  5. Dieser Einfluss Hares ist nicht nur am Erscheinen der vorliegenden Werkauswahl mit ihrem ausgegebenen Ziel einer „timely celebration“ (17) ablesbar, sondern auch an der Sonderausgabe der Transactions (Vol. 46, No. 1) sowie einem digitalen „Remembering Peter Hare“-Heft, in dem 24 Forscherinnen und Forscher ihm und seinem „positive impact on so many of his philosophical colleagues“ Tribut zollen; abrufbar unter:

  6. Die Frage, ob die von James gezogene Limitierung des „belief“-Terrains selber nur einem kontingenten „belief“ folgt, der keineswegs dem Konzept an sich inhäriert, erfährt, strikt der James-Exegese verpflichtet, keine Beachtung seitens Hare, und doch würde genau dies durch das Einbeziehen von F.C.S. Schiller als dem wichtigsten Kompagnon von James nahegelegt werden, dessen philosophische Leistung es gerade war, ebendieses Theorem aller äußerlichen Begrenzungen zu entkleiden und konsequent zu Ende zu denken.

  7. Zu dieser Kulturgeschichte des Verlusts des Bösen aus inneramerikanischer Perspektive: Delbanco (1995)

  8. So die Einschätzung von Joseph Margolis in seinem Nachruf auf Hare: Margolis (2010), S. 7. Diesen klassischen Anspruch an Wissenschaftlichkeit vertrat und verteidigte dieser auch als Herausgeber der Transactions gegen mögliche „populistische“ Strategien: „I have thought that the journal could survive financially as a publication aimed at specialists. That is not to say that I wished to tolerate poor writing. I have wanted the writing to be as clear and graceful as is consistent with scholarship of interest to specialists.“ (21) Auch im persönlichen Umgang weiß ein weiterer Kollege, John Lachs, zum Bild Passendes über Hares meritokratisches Ethos zu berichten: „[M]y sense was that he didn’t suffer fools gladly and limited the time he was willing to spend with people he believed unworthy.“ Lachs (2010), S. 80f.

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