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Hepfer, Karl: Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. Bielefeld: transcript-Verlag 2015. 189 Seiten. [978-3-8376-3102-9]

Rezensiert von Andreas Hütig (Universität Mainz)

Verschwörungsdenken hat Konjunktur. In Zeiten der vermeintlich oder tatsächlich zunehmenden Verunsicherung vieler sind nicht zuletzt Vorstellungen verbreitet, persönliche oder gesellschaftliche Übel ebenso wie kulturelle Entwicklungen seien Ergebnis oder Produkt konspirativen Handelns einiger weniger Menschen oder bestimmter Gruppen. Die Idee derartiger Verschwörungen kommt in politischen, psychischen und kommunikativen Deutungen oder Fehldeutungen zum Ausdruck; sie inspiriert fiktionale Konstrukte und eignet sich für kulturkritische Diagnosen. Es ist deshalb lobenswert, dass der Erfurter Philosoph Karl Hepfer es unternimmt, Verschwörungstheorien aus philosophischer Sicht zu untersuchen. Das zuerst 2015 erschienene Buch ist inzwischen auch als kostengünstige Variante in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen. Dies spricht gleichermaßen für die dortige Einschätzung der Wichtigkeit des Themas, für den relativen Erfolg des Werkes und für seine gute Lesbarkeit.

Mit dem gewählten Untertitel des Bandes wird sogar eine eminente Tradition der Philosophie aufgerufen, die Großes verspricht – man denke an die kantische Selbstreflexion der Vernunft, Sloterdijks Abrechnung mit dem merkanntilen Zynismus der damaligen Gegenwart oder gegenwärtig Achille Mbembes Freilegung der Zusammenhänge von Kapitalismus und Rassismus. Philosophische Kritiken, zumal solche mit explizitem Vernunftbezug, greifen weit aus und vergessen die systematische Entfaltung auch der eigenen Grundlagen nicht. Um es vorwegzunehmen: Das vorliegende Buch wird diesem Anspruch, den es nicht zu verspüren scheint, nicht wirklich gerecht. Es reduziert die philosophische Analyse auf erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Lehrstücke und ergänzt diese durch einige vermischte Bemerkungen zur gegenwärtigen Lage des „individuellen und kollektiven Bewusstseins“ (143f.) sowie zu klassischen und neueren Mythen und ihrer psychischen Funktion.

Was eine „philosophische Kritik“ tatsächlich sein soll, wird dabei in beiden Bestandteilen der Titelformulierung nicht deutlich. Einleitend heißt es, die Philosophie untersuche die „theoretische[n] Grundstrukturen“ und diskutiere „die systematische Frage, wie diese unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit formen“. Es geht „also um erkenntnistheoretische und ontologische Fragen, um Fragen nach unserem Wissen und dem, was es in der Welt gibt oder nicht.“ (13) Nach dem ersten Teil, der vorrangig epistemologische Konzepte – Realität, Zweifel und Wissen, Wahrheit, Begründung – behandelt, folgt ein zweiter mit vielerlei Ausflügen in die Mythostheorie, die individuelle und politische Psychologie sowie die Medientheorie. Selbstverständlich darf, ja sollte eine philosophische Untersuchung weitere Gegenstandsbereiche und Theoriebestände anderer Disziplinen hinzuziehen, gerade bei einem schillernden Thema wie dem der Verschwörungstheorien. Allerdings ist nicht klar, inwieweit hieraus im vorliegenden Fall mehr entsteht als ein breites Spektrum interessanter, teils etwas unterkomplex ausgeführter Beobachtungen. Gegen Ende wird das eigene Unternehmen dann wieder als „theoretische[] Analyse der Struktur von Verschwörungstheorien“ (135) bezeichnet.

Im einzelnen definiert Hepfer relativ elementar, dass Theorien als „vereinfachte Modelle der Wirklichkeit“ (23) zu verstehen sind, als zusammenhängende Satzsysteme mit wechselseitiger Stützung und dem Ziel, „durch Verallgemeinerung und durch die Konzentration auf einige Merkmale des zu erklärenden Phänomens klare und logisch folgerichtige Antworten auf bestimmte Fragen zu finden“ (23). Die spezifische Differenz zwischen ‚normaler’ und Verschwörungstheorie ‑ ohne dass erstere genauer bestimmt oder bei der zweiten an dieser Stelle schon zwischen Hypostasierungen fiktiver und dem Vorliegen realer Verschwörungen unterschieden würde – liegt offensichtlich vor allem im Gegenstandsbereich: Eine Verschwörung ist das „geheime Zusammenwirken einer (in der Regel überschaubaren) Gruppe von Personen […], deren Absprachen und Handeln darauf zielen, die Ereignisse zu ihrem eigenen Vorteil (und damit zugleich zum Nachteil der Allgemeinheit) zu beeinflussen“ (24). So weit, so nachvollziehbar. Im weiteren Fortgang findet Hepfer dann in mehreren Aspekten doch strukturelle Unterschiede zwischen Theorien, denen eine „‚echte’ Verschwörung zugrunde“ (24f.) liegt, und solchen, die „allein der Phantasie [entspringen]“ (25). Dazu zählen die asymmetrische Berücksichtigung von angeblichen oder tatsächlichen Beweisen für und wider die Theorie (Theorien unechter Verschwörungen berücksichtigen deutlich stärker die positiven Belege), wechselnde Interpretationsrahmen (die häufiger bei phantasierten Verschwörungen zu finden sind) und übersehene ontologische Verpflichtungen (oft erzeugen Hypostasierungen bisher unbekannter Entitäten unbemerkt weitreichende Anpassungsanforderungen an das Gesamtsystem).

Während diese Aspekte sich vorrangig auf ontologische Dimensionen beziehen, betreffen die im Folgenden erläuterten Punkte eher epistemologische Fragen: Wie zuvor mit kurzen philosophiegeschichtlichen Exkursen eingeleitet, werden unter anderem die Beziehung zwischen Zweifel und Wissen, unterschiedliche Wahrheitskonzepte, deduktive und induktive Begründungen sowie das Prinzip der theoretischen Sparsamkeit eingeführt. Stets liegt der Fokus dabei darauf, was ‚Verschwörungstheorien’ – die im Text hauptsächlich in dieser Allgemeinheit auftreten – an Wissenschaftlichkeit beanspruchen oder wie sie entsprechende Eigenschaften vortäuschen, wie sie sich aber von wirklichen wissenschaftlichen Theorien unterscheiden. Zu nennen sind hier vor allem der Anspruch auf absolute Antworten, der einem vormodernen Weltbild zugerechnet wird, die oberflächliche Einlösung wissenschaftlicher und logischer Standards, die Befriedigung eines Sinnbedürfnisses sowie als formales Merkmal ein „selektiver Kohärentismus“ (92 und öfter). Hepfer betont aber, wir könnten an Verschwörungstheorien „(so wie an alle empirischen Theorien) […] letztlich nur eine Messlatte anlegen, die von ‚wahrscheinlich’ über ‚vielleicht zutreffend’ bis ‚abstrus’ und ‚sehr unwahrscheinlich’ reicht“ (55). Der Unterschied zwischen ‚normalen’ Theorien und phantastischen Erfindungen ist somit in Hepfers eigener Diagnose nur ein gradueller.

Die Überflut an Informationen, zumal sie medial multipliziert werden, wecken ihm zufolge den Wunsch nach einfachen Erklärungen (z.B. 114), die gewissermaßen herabgesunkene ubiquitäre instrumentelle Vernunft ist heute Mainstream (110) und lässt eine Leerstelle für neue Ideologien und Mythen (121) – derartige ideengeschichtliche Befunde werden benannt, aber nicht systematisch in eine Selbstreflexion der wissenschaftlichen Rationalität eingebunden. Diese hätte aber gerade bei der Verwandtschaft der ‚normalen’ und der phantastischen Theorien nahe gelegen. Selbst die scharfe Diagnose, die die Autoren der Dialektik der Aufklärung am Umschlagen der neuzeitlichen Vernunft üben, wird auf die Kritik reduziert, die Natur immer erfolgreicher zu beherrschen. Dass dies bei Horkheimer und Adorno die Ideale und Methoden der Aufklärung selbst anficht, wird nicht thematisch. Auch die aus dem Anhang des genannten Werkes über falsche Projektion gerade für Verschwörungstheorien resultierenden diagnostischen Möglichkeiten werden nicht aufgenommen; Projektion wird kurz dargestellt, jedoch nur auf den Rahmen psychologischer Mechanismen beschränkt. Hepfer lässt so die reflexiven Möglichkeiten einer Analyse verschwörungstheoretischen Denkens für die ‚normale’ Wissenschaft ebenso wie für die zeitgenössische Vernunft praktisch unberührt.

Vielmehr bekräftigt er relativ ungebrochen die Vorteile wissenschaftlicher Rationalität: Abschließend tauchen im Fazit neben der Erkenntnis, dass Verschwörungstheorien letztlich – betrachtet man das Gesamt solcher Theorien – unwiderlegbar sind, zwar auch ihre Funktion für das Verstehen „unserer ‚normalen’ Erklärungen“ (143) sowie die dadurch mögliche „Standortbestimmung des individuellen und kollektiven Bewusstseins“ (143f.) als Formulierungen auf. Die Verschwörungstheorien und ihre Attraktivität werden aber praktisch ausschließlich als Indiz für „Abwehrreaktion[en]“ (144) gelesen und haben als solche offenbar keine großen Auswirkungen auf die Konzeptionen wissenschaftlicher Rationalität oder aufklärerischer Vernunft selbst. Diese müssen nach Darstellung des Buches nur wieder stärker sinnvoll eingesetzt und betont werden, um fortan solche Reaktionen zu vermeiden.

Die Ungebrochenheit dieser Einstellung wird aber den zeitgenössischen Krisensymptomen der modernen Vernunft, wie sie sich auch in der Zunahme verschwörungstheoretischen Denkens zeigen, möglicherweise nicht in vollem Umfang gerecht. Im Gegenteil fordert Hepfer zur Aufdeckung des phantastischen Charakters einiger dieser Theorien, man müsse die vorgeblichen Ziele der Verschwörer einer „vernünftigen Überprüfung“ (107) bzw. einer „rationalen Kritik“ (110), später auch einer „rationale[n] Abwägung der Ziele“ (145) unterziehen. Mithin scheint er geradezu zu glauben, dass es eigentlich kaum sinnvoll möglich ist, irgendwelchen Akteuren klandestines Machtstreben, unermessliche Profitgier oder das – zugegebenermaßen exotischere und schwerer vorstellbare – Paktieren mit Aliens zum Zwecke des Profitierens von deren technologischem Vorsprung zu unterstellen. Hepfer selbst lässt zwar anklingen, dass es durchaus zahlreiche suspekte Organisationen gibt (mit Blick auf die „Alphabet-Agencies“ [148], wie der US-amerikanische Ausdruck für Regierungsämter und Einrichtungen mit entsprechenden Buchstabenkürzeln lautet). Er macht es sich aber zu leicht, wenn obskure Varianten wie das angebliche Erfinden von dreihundert mittelalterlichen Jahren in der Historiographie als Gegner gewählt werden und dann in der Tat als allzu phantastisch erscheinen. Die Nähe weniger überspannter Varianten zu vielen ‚normalen’ Weltanschauungen und etablierten wissenschaftlichen Theorien gerät nicht in den Blick, wenn vorrangig exotische und pseudo-wissenschaftliche Versionen diskutiert und an idealen wissenschaftlichen Standards gemessen werden.

Als Indikator für diesen Schwachpunkt sei – gerade mit Blick auf die teils literarischen Vorbildern entnommenen Verschwörungen – darauf verwiesen, dass in den vorderen Buchteilen vorrangig von ‚fiktionalen’ Verschwörungstheorien (z.B. 42, 55, 61), später aber von ‚fiktiven’ Varianten (etwa 143, 144, 145) die Rede ist. Diese Verschiebung indiziert vermutlich mehr als nur eine Ungenauigkeit: Es ist ein kulturtheoretisch hoch bedeutsames Phänomen, dass es eine Vielzahl von literarischen und filmischen Werken mit erfundenen – also fiktionalen – Verschwörungstheorien gibt; Hepfers Beispiel der Kustodenkommunikation rekurriert auf Thomas Pynchons Die Versteigerung von No. 49, einen frühen Klassiker des Genres. Davon unterschieden, wenn auch natürlich damit zusammenhängend, ist die verbreitete Behauptung von Verschwörungen, die nur allzu oft fiktiv sind. Diesen Unterschied und den möglicherweise bestehenden Zusammenhang verwischt Hepfers vorrangig epistemologische Perspektive – und damit auch die Wechselbeziehungen zwischen wissenschaftlicher Rationalität, politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen und Kultur als gleichermaßen Spiegel und Faktor derselben. Sie tut dies, weil sie die eigenen Standards gerade nicht durch die kulturellen und gesellschaftlichen Kontexte berührt sieht und die Herausforderung, das komplexe Phänomen interdisziplinär zu analysieren, nur begrenzt annimmt.1

Dies gilt umso mehr, als das wissenschaftliche Denken, das als positive Gegenfolie erscheint, den Ansprüchen, wie sie etwa in epistemologischen Analysen formuliert werden, in der Realität ja auch nicht immer gerecht wird. Der Abstand zwischen wissenschaftlichem und verschwörungstheoretischem Denken ist daher vermutlich noch geringer, was zur Verdeutlichung der Komplexität und Verwobenheit der sich ausbreitenden Verschwörungstheorien beigetragen hätte. Ähnlich wird der „Rückzug auf einfache Welterklärungen, wie Verschwörungstheorien sie anbieten“ (17), wohl in der Tat für viele eine allzu naheliegende Strategie sein. Die Komplexität der Gegenwart taucht bei Hepfer aber stets allein als schlichte oder paranoide Gemüter überfordernde, von diesen daher verschwörungstheoretisch reduzierte auf. Für konspirative Kurzschlüsse weniger anfälliges, in Sonderheit gutes, wissenschaftlich präzises Denken, so scheint es in Hepfers Darstellung, ist die Komplexität entweder auszuhalten oder mit anderen, „‚normalen’ Theorien“ (24) zu erklären – ohne dass ein Beispiel für eine solche vorgeführt wird.

Es ist natürlich vermutlich bei praktisch jedem Werk möglich, Leerstellen zu benennen. Tatsächlich ist diese letzte aber für Hepfers Abgrenzung von ‚normalen’ und anderen Theorien funktional wichtig. Viele der tatsächlich das Problem der Komplexität moderner Gesellschaften adressierenden Theorien – seien sie soziologisch, historisch oder in einer ideengeschichtlich Perspektive auf die Entzauberung der Welt und die damit einher gehenden Orientierungsverluste gerichtet, die auch Hepfer mehrfach thematisiert – stehen ja vor dem Problem, dass durch die komplexen Strukturen Ausschlüsse und Auslagerungen von Kosten dadurch entstehen, dass sich intentionales Handeln so aggregiert, dass unintendierte Nebenfolgen entstehen und dass Strukturen aufgebaut werden oder sich verfestigen, die bestimmte Gruppen oder Eigenschaften bevorzugen oder benachteiligen. Ist schon die Beschreibung und Analyse dieser Komplexitätsfolgen schwierig, so stehen Angehörige der verschiedenen Gruppen zusätzlich häufig auf unterschiedlichen Seiten der Bewertung solcher Strukturen: Wo Benachteiligte ungerechtfertigte Diskriminierungen sehen, vermögen Mitglieder der aktuell bevorzugten Gruppe nichts als rationale und faire oder gar alternativlose Verfahren zu entdecken. Noch nicht einmal die Perspektive, dass solche Verfahren und Strukturen als solche ausschließende Wirkungen haben, ist von dieser Seite aus möglich. Umgekehrt erscheint den von negativen Folgen Betroffenen nicht nur die in Rede stehende Struktur ungerecht und ungerechtfertigt, sondern die Weigerung einer Überprüfung der Struktur seitens der Bevorzugten kann als klandestine, wo nicht böswillige Übereinkunft der besser gestellten Gruppe angesehen werden.

Damit soll nicht gesagt sein, dass vor allem Diskriminierte und Ausgeschlossene für verschwörungstheoretische Denkformen anfällig sind. Aber es zeigt, wo die Zuschreibung der Verantwortung für die Zunahme von Verschwörungstheorien an diejenigen, die mit der modernen Komplexität überfordert sind oder vormodernen Sinnsicherheiten nachtrauern, gewissermaßen eine einseitige Reduktion von angeblichen Kompensationsstrategien ist, die als defizitär ausgewiesenen werden und deren realer Belastungsgrund gar nicht thematisiert wird. So bleibt Kompensation allein eine Sache der Überforderten, die die Gegenwart nicht aushalten und in Verschwörungstheorien flüchten. Was es hieße, die Anforderungen der Moderne zu bewältigen, auch und gerade als Benachteiligter, oder sie nicht nur mit wissenschaftlichen Theorien zu beschreiben, sondern ihre Ausschlüsse und blinden Flecke so zu thematisieren, dass auch die dahinter stehenden Rationalitäten nicht unberührt bleiben, wird nicht deutlich.

Als populäres Buch mit dem Charakter einer Einführung in erkenntnistheoretische Fragen funktioniert Hepfers Analyse der verschwörungstheoretischen Mechanismen allerdings in weiten Teilen trotzdem (oder deswegen?). Sie tut dies auch deshalb, weil jedes der kurzen Kapitel von der durchaus unterhaltsam verfassten Schilderung einer gegenwärtigen realen oder sehr unwahrscheinlichen Verschwörung(stheorie) gefolgt wird. Diese reichen vom der Catilinarischen Verschwörung bis hin zu recht obskurantischen Thesen über Chemtrails und Landungen von Aliens. Die Anhänge klären tabellarisch über die Wahrscheinlichkeit dieser Theorien auf und führen zwei exemplarische Analysen vor. Sie verwenden dabei teilweise die vorher entwickelten Instrumente, etwa das Sparsamkeitsprinzip (auch wenn dieses ja eigentlich als für Verschwörungstheorien nicht hilfreich bezeichnet wird), oder stellen wie empfohlen „Auffälligkeiten“ (144) heraus. Sie verfahren dabei mit dem Anschein formaler Strenge, lassen aber wiederum über Argumentationsanalyse, inhaltliche Gegeneinwände und gesunden Menschenverstand hinausgehendes Theoretisieren und interdisziplinäre Bezüge eher vermissen. Die Reduktion von Verschwörungstheorien auf falsch eingesetzte wissenschaftliche Rationalität und die Sehnsucht nach vormoderner Sicherheit greift aber zu kurz. Eine in etwas weiterem Sinne philosophische Analyse des verschwörungstheoretischen Denkens steht mithin – und angesichts der politisch-gesellschaftlichen Relevanz umso dringlicher – noch aus.


  1. Um noch einmal auf Thomas Pynchons Roman zurück zu kommen: An dessen Ende weiß die Protagonistin Oedipa Maas nicht, ob ihr Ex-Liebhaber Pierce Inverarity ihr Hinweise auf eine Verschwörung hinterlassen hat, ob sie einer echten Verschwörung auf der Spur ist oder ob sie sich eine solche – gleich ob inszeniert oder real – nur einbildet. Das selbstreflexive Potenzial des Buches zeigt sich aber darin, dass auch die Leserin nicht weiß, ob der Autor oder der Erzähler ein Gewebe von Bezügen absichtlich geknüpft hat, ob ein solches automatisch im Leseprozess entsteht oder ob es der eigenen, hypertrophen Verknüpfungsmanie geschuldet ist, Text oder Erzählstimme solches zuzuschreiben. So lässt sich aus der fiktionalen Inszenierung etwas für reale Ordnungsvorstellungen beziehungsweise deren Zustandekommen lernen.

© 2017 Zeitschrift für philosophische Literatur, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE

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