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Posselt, Gerald/Schönwälder-Kuntze, Tatjana / Seitz, Sergej (Hg.): Judith Butlers Philosophie des Politischen. Kritische Lektüren. Bielefeld: transcript 2018. 328 Seiten. [978-3-8376-3846-2]

Rezensiert von Johannes Ungelenk (Universität Potsdam)

Schon im Titel ihres Bandes formulieren die Herausgeber*innen Gerald Posselt, Tatjana Schönwälder-Kuntze und Sergej Seitz dessen Anspruch: Das vielrezipierte Werk Judith Butlers, fraglos eine prominente „kritische Intellektuelle“ (7) unserer Zeit, sei (auch) Philosophie. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, schließlich betrachtet sich Butler selbst als Philosophin, setzt sich in vielen ihrer Texte umfassend mit verschiedensten kanonisierten philosophischen Autor*innen auseinander und entfaltet ihr Denken stets vor diesem Hintergrund. Wie die Herausgeber*innen in ihrer Einleitung aber treffend konstatieren, spiegelt die Rezeption von Butlers Werk bisher die philosophische Schlagrichtung ihrer Texte nur unzureichend wider. Während der Name ‚Butler‘ in der Soziologie und den Literatur- und Kulturwissenschaften längst einen festen Platz einnimmt, „hat eine umfassende Auseinandersetzung mit Butlers philosophischem Werk und ihrem Beitrag zur politischen Philosophie erst begonnen.“ (8)

Dieser Auseinandersetzung ist der Band auf doppelte Weise gewidmet: er praktiziert sie selbst – und er lädt ein, an dieses Projekt anzuschließen. Vermutlich besser als jede systematische Einführung zu Butler erkundet er in „kritischen Lektüren“ – so der durchaus treffende Untertitel – Butlers Werk und bietet auf diese Weise vielfältige Impulse für philosophisches Weiterdenken.

Den Gründen für die nur zögerliche Aufnahme Butlers in die Kreise der Philosophie geht der Band nicht explizit nach. Es darf wohl bezweifelt werden, dass es sich bloß um eine Frage von Geschwindigkeit und Verspätung der Rezeption handelt. Denn selbst im Band werden die philosophischen Abwehrreflexe spürbar, die Butlers Denken ganz offenbar provoziert. Etwa wenn in der Einleitung zuerst Butlers Selbstbezeichnung ihres leitenden Interesses für das „Verhältnis von Philosophie und Politik“ (Butler 2009, 378) zitiert wird – um auf der gegenüberliegenden Seite das diesen Nexus behandelnde Unterkapitel dann doch „Theorie und Politik“ zu nennen. Genau in dieser Verschiebung von „Philosophie“ zu „Theorie“ zeigt sich eine fragwürdige Kraft der Philosophie, die ganz systematisch Denkweisen wie die Butler’sche exkludiert, ihnen das Label Philosophie entsagt, um sich ihrer offenbar herausgeforderten Identität auf diese Weise zu versichern.

Der Band unternimmt also ein heikles und auch paradoxes Unternehmen: Er schreibt gegen diese ausschließende Kraft an und ist ihr doch, durch die Affirmierung des Labels ‚Philosophie‘, zugleich unterworfen. Sich den Namen ‚Philosophie‘ schlicht resignifizierend anzueignen, wie Butler es tut, ist dabei keine Option: denn genau diesen Schritt ist ‚die akademische Philosophie‘ in weiten Teilen nicht bereit mitzugehen. Es bedarf also der Arbeit an begrifflichen Brücken, der Entfaltung von Judith Butlers Philosophie des Politischen.

Dieser Arbeit nehmen sich die vierzehn Beiträger*innen auf ganz unterschiedliche Art und Weise und von verschiedenen Startpunkten aus an. Während die Gruppe der Herausgeber*innen institutionell in der Philosophie (Wien/München) angesiedelt ist, gesellen sich dieser Disziplin unter den weiteren Autor*innen, gemäß der Butler-spezifischen Rezeption, die üblichen philosophieaffinen Kolleg*innen hinzu: die in der Politikwissenschaft verortete Politische Theorie, die Geschlechterforschung und die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, in der ja auch Judith Butler selbst in Berkeley unterrichtet. Hier Disziplinen und Affiliationen zu nennen mag anachronistisch und wenig zielführend für Butlers „transdisziplinäre[n] Ansatz“ (7) erscheinen: für die ‚Politik‘ des Bandes aber, dem es ja explizit um die ‚philosophische‘ Anschlussfähigkeit von Butlers Denken, also auch um einen Impuls gegen die Ausschlussmechanismen der disziplinären Strukturen in der aktuellen akademischen Landschaft geht, scheint die Zusammensetzung nicht unerheblich. Sie spiegelt, auch in den Relationen von Beitrag und Herausgeber*innenschaft, den strategischen Aushandlungsprozess zwischen Philosophie und Theorie, an dem der Band partizipiert.

Die disziplinären Startpunkte legen aber keinesfalls die Art der philosophischen Näherung an Butlers Denken fest. Die drei an den Anfang gestellten Beiträge der Herausgeber*innen bieten dafür ein leitendes Beispiel. Sie verfolgen sehr unterschiedliche Strategien, wie die Lektüre von Butlers Texten diese philosophisch anschlussfähig machen kann.

Tatjana Schönwälder-Kuntze exploriert das für Butler prägende Verhältnis von Philosophie und Politik ausgehend von der Geschichte der Philosophie. Über den „methodologische[n] Anspruch“ (25), den philosophische Begriffsarbeit schon bei Descartes für sich reklamiert, rekonstruiert Schönwälder gewissermaßen eine Genealogie der Fragestellung, in die sich dann auch Butler einschreiben wird: die Verschaltung von gesellschaftlichen Problemen und Zielen mit der begrifflichen Arbeit der Philosophie. Der Weg führt von Kant über Hegel zu Horkheimer und Foucault. Dass es sich dabei nicht um eine platte Fortschrittsgeschichte handelt, zeigt sich am komplexen Widerspiel zwischen Kant und Hegel: die kritisch-reflexive Praxis und deren konstitutive Offenheit für die Zukunft, die Schönwälder-Kuntze bei Butler am Werk sieht, ist eindeutig kantischer Provenienz. Hegels dialektische Bannung von Dynamik auf ein einziges Prinzip stelle eher einen idealtypischen Gegner der kritisch-reflexiven Praxis à la Foucault und Butler dar, der es maßgeblich um die Erzeugung von Offenheit gehe. In Schönwälder-Kuntzes Darstellung findet sich Butler also in den Traditionen von kritischer Theorie und dem Denken Foucaults wieder. Das verbindende Moment ist für Schönwälder-Kuntze die Reflexion auf die Verflochtenheit von philosophischem Denken mit seinen sich wandelnden gesellschaftlich-materiellen Voraussetzungen, was der Philosophie eine bleibende Responsivität abfordere. Genau diese „reflexiv-kritische korrektive Offenheit in der Theoriebildung“ (33) zeichne das Butler’sche Œuvre aus. Mit Butlers Analysen der sich im Wechselspiel von Gesellschaft und Philosophie vollziehenden Prozesse der Subjektivierung, die Normativität und deren Zugriff erst aushandeln, lässt sich die im Titel gestellte Frage klar beantworten: Philosophische Methoden haben nicht nur politisches Gewicht durch ihre (meist übersehenen) gesellschaftlichen Nebenwirkungen (auf die es zu reflektieren gelte), sie bieten auch kritisches politisches Potential – wenn sie denn begrifflich Offenheit schaffen für die Zukunft, das heißt wenn sie sich, wie Schönwälder-Kuntze schreibt, einen „Fixierungsvorbehalt“ (39) auferlegen.

Schönwälder-Kuntze nähert sich Butler also von der philosophischen Tradition her. In der Begrifflichkeit spiegelt sich dieser Zugriff erkennbar wider: nicht nur beiläufig durch die Orientierung von Theoriebildung an Adäquation (vgl. 33) oder „Konsistenz“ (40), sondern vor allem in den zentralen Begriffen, mit denen Schönwälder-Kuntze Butlers philosophische Praxis belegt, als „Methode“ und „Reflexion“. Dies sind nicht Butlers Begriffe – und genau deshalb bauen sie eine Brücke, die hilft, das Butler’sche Denken philosophisch anschlussfähig zu machen. Denn es ist genau der von Schönwälder-Kuntze entfaltete philosophische Kontext, vor dem Butler ihr Denken entwickelt und an den es adressiert ist. Die Nebenwirkungen, die der philosophiehistorische Zugriff des Beitrags gezwungenermaßen erzeugt, sind indes zu verschmerzen: Gerade der im Text sehr häufig gebrauchte Begriff der Reflexion suggeriert über die philosophische Tradition, in der er sonst Verwendung findet, eine Subjektposition und -Rolle, die es im Butler’schen Denken nicht mehr gibt. Er droht dadurch ein wenig die performative Dimension zu verdecken, die einen wesentlichen Kern von Butlers politischer Intervention bildet.

Die Konzeption des Bandes fängt diesen durch die Anbindung an ‚klassische Philosophie‘ entstehenden Verlust an konzeptueller Radikalität jedoch geschickt auf. Sicherlich nicht zufällig widmet sich der direkt folgende Beitrag von Gerald Posselt just jener Dimension des Performativen im Butler’schen Werk. Posselt verfolgt einen diametral anderen Ansatz als Schönwälder-Kuntze: statt einer philosophiehistorischen Einbettung beschäftigt er sich werkimmanent mit Butlers Texten. Mit bewundernswerter begrifflicher Präzision und Souveränität rekonstruiert er in einem atemberaubenden Gang durch Butlers größere Schriften die „Schlüsselrolle“ (66), die der Begriff des Performativen in Butlers Denken des Politischen einnimmt. Dabei zeigt Posselt eine Verschiebung des Performativitätsbegriffes auf: „von einem reiterativ-resignifikantiven Modell performativer Sprechakte hin zu einem rezeptiv-responsiven Modell einer verkörperten und pluralen Perfomativität“ (67). Es entsteht ein konziser und erhellender Überblick über das gesamte Butler’sche Denken, ein Text, der die Vorzüge eines überblickenden Einstiegs mit der begrifflichen Kraft des Butler’schen Originals verbindet. Allerdings verlangt er seinen philosophischen Leser*innen denselben Sprung ab, den auch Butlers Texte fordern: Die Begrifflichkeiten, der Duktus, die Art der Beispiele und auch die herbeizitierten theoretischen Gewährsleute sind dieselben. Die ‚traditionelle Philosophie‘ taucht (fast) nur in Form einer Kontrastfolie auf, die die Verschiebungen zu markieren hilft, die Butler vornimmt. Genau wie Schönwälder-Kuntzes Beitrag von Posselts Hingabe an Butlers konzeptuelle Eigenheiten profitiert, ist Posselts Beitrag auf den vorangehenden angewiesen: Die Brücken, die Schönwälder-Kuntze in die Philosophie baut, braucht es wohl, um bisher wenig Butler-begeisterte Philosoph*innen mit Posselts Beitrag überhaupt wohlwollend in Kontakt zu bringen.

Sergej Seitz wählt für seinen Artikel einen wieder anderen Weg: Für seine Erkundung des Verhältnisses von Ethik und Politik bringt er Butler in einen Dialog mit Emmanuel Lévinas. Er beschränkt sich dabei nicht darauf, die wichtige Rolle, die Lévinas in Butlers Werk spielt, zu rekonstruieren. Vielmehr arbeitet er in Butlers Texten eine Frage heraus, für die er bei Lévinas Antworten findet, nämlich die Frage danach, „wie ethische Ansprüche erscheinen können, die von […] Repräsentationsregimen gerade unsichtbar gemacht werden“ (84). Indem Seitz’ Beitrag also von Butler zu Lévinas ‚schweift‘ und dort ausführliche Begriffsarbeit betreibt, wird er Butler als Philosophin gerecht. In der Ausfaltung der Bedeutung der „Grundsituation des Antwortenmüssens“ (91), die Repräsentation nicht auf Identität, sondern auf Alterität verpflichtet, performiert Seitz zwischen Lévinas und Butler den philosophischen Dialog, den der Band als Ganzes befördern möchte. Im Akzeptieren, im Bezeugen der Grundsituation des Antwortenmüssens, findet Seitz im Ergebnis ein kritisches Kriterium, dessen gesellschaftstheoretische Kraft der Beitrag aufzeigt und damit retrospektiv den Erfolg des In-Kontakt-Setzens von Butler und Lévinas unterstreicht.

Diese drei Strategien – philosophische Einbettung, präzise Rekonstruktion, in philosophischen Dialog bringen – finden sich im ersten Kapitel „Theoretisierungen“ von den Herausgeber*innen aus- und vorgeführt. Das strategische Feld ist so für die folgende Beiträge schon vorbereitet, wobei sich über die Kapitelgrenzen hinweg, neben der klaren Favorisierung der zweiten der genannten Strategien, später eine vierte mögliche taktische Ausrichtung herauskristallisieren wird: das Inanspruchnehmen von Butlers Theorie für ein bestimmtes gesellschaftliches oder politisches Problem.

Zunächst bringen Matthias Flatscher und Florian Pistrol im ersten Beitrag des Kapitels „Normen und Normativierungen“ Judith Butlers mit Axel Honneths Denken in Kontakt, wobei die von beiden verhandelte Frage nach Anerkennung den Konnex bildet. Auch wenn der Beitrag stark Butler zuneigt und damit die vorangestellte Rekonstruktion von Honneths Philosophie der Anerkennung weniger als Dialogpartner denn als Folie für Butlers rethinking von Anerkennung fungiert, überzeugt die dargestellte Argumentation. Die herausgearbeitete Kritik der in Honneths Denken impliziten Teleologie und der vorausgesetzten Symmetrie der beteiligten Partner*innen schließen glücklich an die von Schönwälder-Kuntze an Hegel problematisierten Punkte an. Das im vorangegangenen Beitrag entfaltete Denken Lévinas’, und dessen radikale Asymmetrie der Alterität spielt für die Konturierung der Anerkennung bei Butler eine wichtige Rolle. Solche argumentativen Querverbindungen, durch die sich die Beiträge gegenseitig erhellen und auch trotz des großen abgebildeten Spektrums eine gewisse Konsistenz bilden, ziehen sich durch den ganzen Band.

María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan testen am Beispiel der gleichgeschlechtlichen-Ehe die Relevanz von Butlers Theorie für eine aktuelle Frage – hier ragt also ein ganz klassischer Rezeptionsweg Butlers in den Band. Er mag nicht unbedingt zur theoretischen Erschließung des Verhältnisses von Butler und politischer Philosophie beitragen, repräsentiert aber eine gewichtige Praxis des Gebrauchs von Butler, der ihr Werk schon seit Jahrzehnten ethisch relevanter macht als so manchen philosophischen Klassiker.

Hannah Meißners Beitrag zur Sozialität und Heike Kämpfs der Entunterwerfung gewidmeter Artikel zeichnen jeweils Verschiebungen im Feld der politischen Philosophie nach, die von Butlers Theorien angestoßen wurden oder werden können. Meißners Projekt ist es, mit Butler „die gesamte Architektur einer Ordnung in Frage zu stellen, die auf der ‚egologischen‘ Syntax einer Perspektive der ersten Person ruht“ (158). Die „Dekonstruktion der Ersten Person“ (158) gehe einher mit dem Eingeständnis von Abhängigkeit und Verwiesenheit des Einzelnen auf die Anderen. Die „Gegenerzählung“ (162), die Meißner mit Verve und begrifflicher Finesse anbietet, setzt „unsere fundamentale Ausgesetztheit und Vulnerabilität“ ins Zentrum. Aus dieser „conditio humana“ folge die von Meißner zu Anfang des Beitrags ersehnte Solidarität als „Notwendigkeit“ (162). Heike Kämpf rekonstruiert den von Foucault aufgenommenen und weiterentwickelten Begriff des désassujettissement. Im Vorgehen ein wenig analog zu Gerald Posselts Erkundung des Konzepts der Performativität, erschließt Kämpf vom Begriff des désassujettissement aus Butlers Denken, stellt Querverbindungen und Differenzierungslinien her (wichtig hier sind Foucault und die Psychoanalyse) und verortet Butler damit in ihrem theoretischen Kontext.

Das Kapitel „Visibilitäten und Transformationen“ vereint zwei eigentlich thematisch klar unterscheidbare Schwerpunkte: Während Julia Prager und Andreas Oberprantacher mit Judith Butler medientheoretische Überlegungen anstellen, beschäftigen sich Hans-Martin Schönherr-Mann und Gerhard Thonhauser mit der performativen Formation von Versammlung und Protest. Der bei beiden Komplexen zentrale Bezug auf Körperlichkeit stellt jedoch eine Gemeinsamkeit der vier Beiträge dar.

Julia Prager arbeitet aus Butlers Texten eine „Politische Theorie des Medialen“ heraus, die es in ihrer Komplexität und Differenziertheit vermag, Butler als interessante Dialogpartnerin für den medienphilosophischen Diskurs zu präsentieren. Butlers „Fokussieren auf den Körper“ und ihr Insistieren auf „(mediale wie kulturelle) Übersetzungsprozesse“ (206) fasst Prager als „Paradoxien des Abstand-Nehmens“, in denen sie die Spezifizität von Butlers medientheoretischen Überlegungen sieht. So findet sich vielleicht der von Schönwälder-Kuntze für Butler propagierte Fixierungsvorbehalt in medialer Übersetzung in Pragers Beitrag wieder: als Gebot des paradoxalen, offengehaltenen medialen Abstands. Andreas Oberprantacher nimmt exakt diese Dynamik in seinem Beitrag wieder auf. Er erkundet sie ausgehend vom ikonischen Bild des ertrunkenen jungen Geflüchteten am Strand. Über Butlers Schreiben zu Melancholie und Trauer ermutigt Oberprantacher, die stillstellende und dadurch unkritische (humanitäre) Rahmung dieses Bildes mitzusehen und uns selbst mit Ai Weiweis interventionistischem ‚Duplikat‘ dieses Bildes „unsere eigene Pose als Posse vor Augen zu führen“ (228).

Hans-Martin Schönherr-Mann schreibt seinen Beitrag als kritischen Dialog zwischen den Grundannahmen der „traditionellen politischen Philosophie im Stil von Weber, Schmitt und Strauss“ und Butlers „linguistische[r] politische[r] Philosophie“ (239). Bewusst skeptisch formuliert Schönherr-Mann dabei vier Einwände gegen Butlers Vorstellung von der Performativität politischer Versammlungen. Diese beziehen sich auf die Relevanz sprachlicher Äußerungen (1), auf die Möglichkeit der Schaffung eines Kommunikationsraumes (2) und die Erzeugung kommunikativer Wirkungen bei Versammlungen (3), sowie auf die Frage, ob es sich bei diesen Protestformen nicht eher um materielle Körperhandlungen im traditionellen Sinne statt um performative Akte handelt (4). Ein besonderes Augenmerk legt Schönherr-Mann hier auf die spezifische körper-politische Situation solcher Versammlungen, in denen die Demonstrierenden nicht ihr verbrieftes Recht auf Versammlungsfreiheit wahrnehmen, sondern, obwohl sie dieses (noch) gar nicht ‚haben‘, für es einstehen, und es auf diese Weise performativ für sich beanspruchen. Unter Rückgriff auf Butlers Konzept der Materialisierung von Körpern als Praxis wiederholter Zuschreibungen wendet sich Schönherr-Mann mit Butler schließlich gegen die traditionelle Vorstellung einer materiell gegebenen Körperlichkeit, um Körper damit nicht als handelnde Akteur*innen, sondern als gewichtige diskursive Bestandteile einer sich kommunikativ vollziehenden Versammlung auf der Straße zu entwerfen. Bezugnehmend auf Rancières „Anteil der Anteilslosen“ fasst Schönherr-Mann die Performativität von Versammlungen abschließend als „Körper, die auf der Straße etwas sagen, damit einen Raum der Kommunikation eröffnen, just dadurch auf die Welt einwirken“ (249) – aus der kritischen Befragung der Performativität von Versammlungen ist so sukzessive eine anerkennende Würdigung von Butlers politischer Philosophie geworden.

Auf den ersten Blick ähnlich enthusiastisch liest sich Gerhard Thonhausers Rekonstruktion der konkreten Ereignisse am 04.09.2015, als sich eine Gruppe Geflüchteter zu einer Versammlung formierte, deren politisches Moment er mit Butler’schen Begriffen als Auslöser der Grenzöffnung durch Angela Merkel beschreibt: „Die schiere Menge an Körpern, die sich auf der Autobahn bewegten, zwang die Politik, sich zu ihnen zu verhalten“ (252). Mit Blick auf den Prozess der Konstitution und die machtvolle Funktion kurzlebiger Versammlungen setzt sich Thonhauser durch parallel geführte Lektüren von Butler und Arendt ausgiebig mit dem Begriff der „pluralen Performativität“ auseinander. Die Stärke von Butlers Ansatz erkennt er dabei in erster Linie in der Betonung der Relationalität der Teilnehmenden einer Versammlung, während er in der Vorstellung von deren performativer Formation jedoch ein normatives Kriterium vermisst, mit dessen Hilfe beurteilt werden kann, ob es sich bei einer Versammlung „um einen moralisch-gerechtfertigten Protest im Geiste höherer Ideale von Gerechtigkeit und Demokratie oder bloß um einen kriminellen Akt“ (255) handelt. Ausgehend von Arendts Konzeption der Ko-Konstitution eines Erscheinungsraumes, in dem politisches Handeln stattfinden kann, sieht Thonhauser in deren „Begriff der Revolution“ (266) die Lösung: „Eine Revolution findet nur dann statt, wenn sich die Idee des Neubeginns mit der Gründung der Freiheit verbindet.“ (264) Nunmehr gegen Butlers Vorstellungen argumentierend, kommt der Beitrag auf Arendts Theorie aufbauend zu dem Schluss, die Versammlung der Geflüchteten verfehle „den wesentlichen Bereich des Politischen“ (264) und sei dementsprechend lediglich als Akt der Befreiung von Individuen anzusehen. Eine zweifelsfreie Abgrenzung zu rechtspopulistischer Rhetorik erweist sich mit Butlers Konzeption performativer Versammlungen zwar tatsächlich teilweise als schwierig (gerade im Hinblick auf Ablehnung ‚der Staatsmedien‘). Jedoch darf stark bezweifelt werden, dass „Vorbehalte gegen Arendts vermeintlichen ‚Konservativismus‘“ (255) Butler davon abhalten, ein normatives Kriterium für Versammlungen festzulegen. Vielmehr wendet sich Butler mit ihrem Begriff der Performativität ja gerade gegen vorgängige identitätsstiftende Rahmungen von Versammlungen im Allgemeinen, wie gegen „Freiheit und Gleichheit“ als klassische Effekte von Prozessen der Subjektivierung in ihrer scheinbaren Universalität im Besonderen.

Den Band beschließen zwei Beiträge Judith Butlers: ein „Politische Philosophie bei Freud“ betitelter Artikel, und ein transkribiertes und im Nachhinein leicht ausgearbeitetes Round-Table-Gespräch, dessen Inhalte treffend unter der Überschrift „Politik, Körper, Vulnerabilität“ zusammengefasst sind. Beim ersten Beitrag handelt es sich um die Übersetzung einer Gelegenheitsschrift, die Butler für das Handbook of Philosophy and Psychoanalysis angefertigt hat. In ihr erschließt Butler, ausgehend vom Briefwechsel Freuds mit Albert Einstein, die Potentiale der Psychoanalyse für Fragen der Politischen Philosophie. Zentral ist dabei die Rolle des Todestriebs und der Umgang mit psychischen Destruktionsimpulsen: Auf dem Weg zu einem „möglichen kollektiven oder geteilten Gebrauch der Fähigkeit zu Kritik“ (287) findet Butler in Freuds komplexen Analysen von fragilen Verschiebungen zwischen den innerpsychischen – und dennoch immer gesellschaftlich vermittelten – Instanzen wichtige Orientierung. Butlers spürbar frischer, zuweilen tastender, fast unfertiger Text öffnet, wie von den Herausgeber*innen in der Einleitung beschrieben, tatsächlich den Blick, er „unterstreicht, dass das Politische abseits seiner engen disziplinären Beschränkungen durch die Politische Philosophie breiter zu fassen ist“ (17). Dies benennt ganz offenbar Butlers traditionelle Strategie der Resignifikation des disziplinären Labels ‚Philosophie‘. In Hinblick auf die zu befördernde ‚philosophische‘ Rezeption von Butlers Werk ist der Text aber leider nicht sonderlich geeignet: Butler zugeneigten Leser*innen wird er eine spannende deutsche Erstveröffentlichung mit frischen Denkwegen sein – Leser*innen aus der Philosophie, die Butler noch nicht für sich entdeckt haben, dürfte die Fokussierung auf Freuds Psychoanalyse und eine selbst für Butler ungewöhnliche, fast gänzliche Absenz von im engeren Sinne ‚philosophischen‘ Einhakpunkten jedoch eher abschrecken.

Ganz anders verhält es sich mit dem abgedruckten Gespräch, das sich anlässlich eines Workshops an der Universität Wien im Jahr 2014 zugetragen hat. Die dialogische Form, das Wechselspiel zwischen Frage und Antwort, erweist sich für das Projekt des Bandes als absoluter Glücksfall. Nicht nur, weil Judith Butler in brillanter Weise die Fragen zu komplexer Begriffsarbeit ausfaltet und zugleich eine konkret-politische Dimension stets präsent hält; vor allem, weil in diesem Beitrag die philosophische Dichte, der unübersehbare philosophische Anschluss aufscheint, den Butlers Denken immer mit sich führt. Problemlos bringt sie ihr Denken von Körper mit Phänomenologie oder Spinozistisch-Deleuzianischen Konzeptionen in Berührung, ohne immer abschließende Antworten zu liefern – aber genau das lädt zum Weiterdenken ein.

Damit ist das Gespräch ein würdiger Abschluss für einen Band, der Judith Butlers Philosophie des Politischen in bemerkenswerter Art und Weise zugänglich macht. Er funktioniert als fundierte und umfassende Einführung in Butlers Werk, überzeugt als Hinführung zu Butler ebenso wie als innovativer Beitrag zur aktuellen Butler-Forschung. Butlers Beitrag zur politischen Philosophie wird nach der Lektüre wohl niemand mehr unterschätzen.

Literatur

Butler, Judith. Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Übers. von Karin Wördemann und Martin Stempfhuber. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2009.

© 2018 Zeitschrift für philosophische Literatur, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE

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