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Mühlhoff, Rainer: Immersive Macht. Affekttheorie nach Spinoza und Foucault. Frankfurt/New York 2018. 500 Seiten. [978-3-593-50834-4]

Rezensiert von Kerstin Andermann (Leuphana Universität Lüneburg)

Anhand des prägnanten Begriffs der immersiven Macht untersucht Rainer Mühlhoff die affektive Modulation des Subjekts in den kapitalistischen Machtverhältnissen westlicher Gesellschaften des 21. Jahrhunderts. Geboten wird damit nicht weniger als ein paradigmatischer Begriff von Macht, der an die bekannten Konzeptionen Foucaults anschließt und dabei insbesondere das Konzept der Gouvernementalität einer sehr aufschlussreichen Wendung unterzieht. Macht wird von Mühlhoff als ein Affektionsgeschehen verstanden und ausgehend von der grundlegenden Affektfähigkeit des menschlichen Individuums, d.h. von seinem Vermögen zu affizieren und affiziert zu werden, in den Blick genommen. Durch die Herleitung aus dem Denken Baruch de Spinozas wird der metaphysische Charakter eines Machtbegriffs offen gelegt, durch den Macht als ein elementares Seinsprinzip in dynamischen Wirkungsverhältnissen und damit als eine Potentialität sichtbar wird. Die implizite Voraussetzung eines substantiellen Charakters von Macht wird so vollständig zugunsten einer Verhältnisbestimmung von Machtwirkungen zurückgenommen, die dann als Affektionen oder auch als grundlegende Resonanzverhältnisse ausgewiesen werden. Die theoretische Explikation immersiver Macht ist also an einen weitreichenden Umbau ontologischer Voraussetzungen gebunden, durch den diese Form von Macht überhaupt erst bestimmbar wird. Es geht in der Arbeit von Rainer Mühlhoff aber nicht nur darum, den metaphysischen Hintergrund der in Anspruch genommenen Umstellung von einer Ontologie der Substanz auf eine Ontologie der Relationen darzustellen. Vielmehr wird mit dieser Umstellung gearbeitet und sie wird zur Anwendung gebracht, um philosophische Begriffsarbeit und Kritik zu verbinden.

Seinen empirischen Ausgangspunkt findet Mühlhoff in der erfahrungsbasierten Beobachtung einer gegenwärtig aufkommenden „Strategie der Gouvernementalität" (13), die die Tendenz der Subjekte zur „Selbst-Regierung" (13) mobilisiert. Dabei ist die Diagnose leitend, dass „Affekt und Affizierungsrelationen" (14) ein „zentrales Register von Macht und Subjektivierung in den westlichen Gesellschaften des beginnenden 21. Jahrhunderts" (14) bilden und eine entscheidende Rolle für spätmoderne Arbeits- und Lebensformen spielen. In die Analyse dieser affektiv geprägten Subjektivierungsformen gehen ganz verschiedene Theoriefelder ein, die von der Philosophie, über die Physik bis zur Psychologie reichen und mit den zentralen Begriffen Affekt, Macht und Subjekt zu einer umfassenden kulturtheoretischen Perspektive verschmolzen werden. Die kritische Analyse der sozialen Praxis wird mithilfe eines umfassenden Begriffsapparats durchgeführt, der aus disziplinärer Perspektive mitunter etwas uneinheitlich daherkommt, aber vielleicht gerade daher umso gewinnbringender für die tentative Veranschaulichung der Phänomene ist.

Der theoretische Ausgangspunkt dieses umfassenden Unternehmens ist der Debattenkontext der affect studies und des affective turn, wie er sich seit den 1990er Jahren in Abgrenzung von den Fixierungen des linguistic turn herausgebildet hat. Hier soll mit der Bestimmung der Affekte eine Einlassung des menschlichen Individuums in Affektionszusammenhänge aufgezeigt werden, die sich eben auch als Machtzusammenhänge ausweisen lassen. Jenseits der allgemeinen Feststellung eines affective turn hängt die Auseinandersetzung darüber, was mit dem Begriff Affekt eigentlich gemeint ist, aber von der jeweiligen disziplinären Zugangsweise ab. Dementsprechend ist das Feld der sogenannten affect studies hochumstritten und von divergierenden Zugängen geprägt. So gibt es etwa neben psychologischen und neurobiologischen Studien, die Affekte zumeist als durch Messung objektivierbare psychophysische Zustände verstehen (z.B. Damasio 1994), interaktionistische Paradigmen, die unterschiedliche soziale Dynamiken der Affektion zwischen Individuen etwa aus entwicklungspsychologischer Perspektive untersuchen (z.B. Stern 1985), sozialwissenschaftliche Forschungen, die sich affektive, lebensweltliche Praktiken zum Gegenstand machen (z.B. Wetherell 2012), aktivistisch politische Interventionen, die beispielsweise dem Feld des Feminismus und der critical race theory (z.B. Ahmed 2004) zuzuordnen sind, oder metaphysische Zugänge, die sich locker an die philosophische Tradition anbinden und diese nutzen (z.B. Massumi 1995). Die im engeren Sinne philosophische Theorie der Emotionen dreht sich schließlich weniger um die Konzeption eines Affektbegriffs, der die immersive Einlassung des Individuums in übergeordnete Zusammenhänge zeigen könnte, als vielmehr um die Bestimmung einzelner Gefühle in ihrer intentionalen Ausrichtung, ihrer phänomenalen Zuständlichkeit und ihrer Bedeutung für lebensweltliche Zusammenhänge (z.B. Nussbaum 2013).

Im Unterschied zu alldem versteht sich die vorliegende Arbeit als eine philosophisch-sozialtheoretisch angelegte „Analyse konkreter politischer und sozialer Phänomene der Gegenwart" (18). Die Profilierung von Begriffen, die den immersiven Charakter von Macht verdeutlichen, ist eine wesentliche Stärke von Mühlhoffs Buch. Denn erst durch diese Art der Begriffsarbeit wird die eingenommene Perspektive wirklich tragfähig und die Schwierigkeit deutlich, in immersiven Machtverhältnissen ein emanzipatorisches Interesse durchzusetzen. Dabei versteht sich der Rückgang auf die philosophischen Voraussetzungen in dieser Gemengelage keineswegs von selbst, sondern ergibt sich gerade daraus, dass ihre zentralen Begriffe ohne eine Beleuchtung des ideengeschichtlichen Hintergrunds unterbestimmt und in ihrer paradigmatischen Stärke ungenutzt bleiben würden.

Der Notwendigkeit einer solchen Verankerung wird die Arbeit gerecht, indem sie ihre affekttheoretische Auslegung von Macht auf das Denken des frühneuzeitlichen Amsterdamer Philosophen Baruch de Spinoza zurückführt und dessen weitreichende Wirkung in sozialtheoretischen Debatten der Gegenwart aufzeigt. Zwar wird Spinozas Lehre von den Affektionen (affectio) und den Affekten (affectus) in sehr großzügigen Schritten mit dessen Begriff der Macht (potentia) und seiner Konzeption des Strebens eines jeden Individuums nach Selbsterhaltung (conatus) verknüpft, doch erweist sich diese Vorgehensweise durchaus als fruchtbar, und vielleicht auch als notwendig, um die Verbindungen von Affekt, Macht und Subjekt aufzuzeigen und zu praktisch relevanten Analysen zu gelangen. Der weitere Begriff der affectio lässt sich eng mit dem Begriff der potentia verknüpfen, insofern diese die Macht eines jeden Individuums ist, sich selbst in den umgebenden Verhältnissen immanenter Kausalität (causa immanens), d.h. in den Affektionsverhältnissen durch die es konstituiert wird, zu erhalten. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass Spinozas Theorie der Affekte auch damit zu tun hat, dass er die konkreten politischen Verhältnisse seiner Zeit in ihrer Wirkung auf die Menschen verstehen und ihre Ohnmacht und ihre Unsicherheit überwinden helfen wollte.

Die Dynamik des von Spinoza her ausgewiesenen Affektionsgeschehens stellt Mühlhoff als ein grundlegendes Resonanzprinzip dar und nutzt sie zur Analyse von Subjektivierung in affektiven Zusammenhängen, die sich als immersive Machtzusammenhänge erweisen. Diese Konstellation wird in vier Schritten abgebildet: Im ersten Teil geht es darum, die Ontologie Spinozas für sozialtheoretische Zwecke fruchtbar zu machen und ihren immanenten, antiessentialistischen und potentialistischen Charakter herauszustellen. Dabei werden zahlreiche komplexe Einzelelemente der Ethica diskutiert und in ein Spannungsverhältnis zur weiteren sozialtheoretischen Diskussion der Macht und der Affekte gebracht. Maßgebend ist hier der ständige Bezug auf die Interpretation Spinozas in der französischen postmarxistischen Rezeption und durch Gilles Deleuze. Dessen Auslegung des monistischen Substanzbegriffs als ein dynamisches Ausdrucksgeschehen hat die Bedeutung der Immanenz, und damit der materiellen Dimensionen des Körpers und der Affekte für die Selbsterhaltung, überhaupt erst deutlich gemacht. Im Anschluss an die Begründung der Immanenz wird das Prinzip der Resonanz in der klassischen Physik dargestellt und auf das Affektionsgeschehen übertragen. Auf diese Weise wird die Phänomenalität der immanenten Wirkungsverhältnisse anschaulich und als ein relationales Kräftespiel ausweisbar, in das Subjekte vollumfänglich eingelassen sind. Resonanz ist also eine Dynamik „wechselseitiger Hervorbringung und Modulation im Affektionsgeschehen" (122), die sich durch die Merkmale der Relationalität, der Konstitution und der Erfahrungshaftigkeit (vgl. ebd.) auszeichnet. Mit Bezug auf Gilbert Simondon wird die immersive Einlassung in Affektionszusammenhänge als ein allgemeines Entwicklungsprinzip vorgestellt und in eine ontogenetische Perspektive gebracht, die die Tiefendimension des Resonanzgeschehens als ein grundlegendes Prinzip der Individuation deutlich machen soll.

Der zweite Teil der Arbeit bringt die philosophischen Grundlagen, wie sie von Spinoza, Deleuze und Simondon her aufgearbeitet wurden, in Stellung, um affektive Resonanz als einen sozialtheoretischen Grundbegriff auszuweisen, mit dem die dynamische Reziprozität intensiver affektiver Verbindungen zwischen verschiedenen Subjekten (exemplarisch in der Mutter-Kind Dyade, vgl. 230f.) aufgezeigt werden kann. Diese Konzeption affektiver Resonanz wird in ausführlicher Auseinandersetzung mit benachbarten Konzepten der affect studies, der Psychoanalyse, der Massenpsychologie, der Entwicklungspsychologie und der Sozialpsychologie diskutiert und zwar auch, um Resonanz ausgehend von ihrem Dispositivcharakter zu verstehen, und eine ontogenetische Generalisierung des Konzepts zu rechtfertigen, die auch diejenigen einschließt, die theoretisierend nach ihr fragen.

Im dritten und vierten Teil wird der ubiquitäre Charakter affektiver Resonanz bestimmt und in die Frage nach der normalisierenden Funktion des als Machtgeschehen verstandenen Affektionsgeschehens übertragen. Im dritten Teil vollzieht Mühlhoff einen methodischen Wechsel, der vom metaphysischen Theorierahmen wegführt und die Bildung historischer Macht- und Subjektivierungsformationen, normalisierender Dispositive, symbolischer Ordnungen und performativ-verkörperter Wirkungsweisen von Normen nachvollziehbar macht. Die Macht der Normen erklärt er in den immanenten Wirkungsverhältnissen einer Normalisierung durch Macht und diskutiert sie mit Michel Foucault, Pierre Macherey und Judith Butler. Der vierte und letzte Teil der Arbeit dreht sich darum, die theoretischen Ausführungen wirklich als einen praktischen Forschungsrahmen zum Einsatz zu bringen und die paradigmatisch bestimmte Machtform der immersiven Macht als eine wirkungsmächtige „Spielart der Gouvernementalität" (22) auszuweisen. Immersive Macht zeichnet sich dadurch aus, so lassen sich ihre wesentlichen Merkmale vielleicht auf den Punkt bringen, dass sie die Unterscheidung von Subjekt und Objekt in normalisierenden Machtverhältnissen nahezu aufhebt und das Individuum in einer Weise durchdringt, durch die es quasi ununterscheidbar wird von dem, wodurch es bestimmt ist. Die im letzten Teil angeführten beispielhaften Fälle von immersiver Macht in Arbeitskontexten veranschaulichen die affektive Modulation und die vereinnahmende Einlassung in reziproke Affizierungsdynamiken, die das Fühlen, das Denken und das Handeln der Subjekte bestimmen.

Der ambivalente Charakter der Machtverhältnisse, die hier im Ausgang der Affekttheorie Spinozas als grundlegende Resonanzverhältnisse bestimmt und anhand einschlägiger Beispiele anschaulich gemacht werden, wirft selbstverständlich die Frage nach der Möglichkeit von Kritik auf. Diese kann nicht von einem äußeren Wahrheitsstandpunkt her gedacht werden, sondern muss als immanente Kritik verfahren und sich im jeweiligen Dispositiv affektiver Resonanz selbst artikulieren. Dabei betont Mühlhoff, dass es gerade nicht darum gehen kann, das Subjekt in neomaterialistischer oder posthumanistischer Manier vollständig zu verabschieden. Vielmehr geht es ihm, ganz im Sinne Spinozas, darum, die Selbsterkenntnis des Subjekts aufklärerisch als eine kritische Erkenntnis der Fähigkeit zu affizieren und affiziert zu werden zu stärken, um von hier aus souveräne Widerstandspunkte zu finden, die auf einer weniger fremdbestimmten und vielmehr auf die eigene Machtsteigerung zielenden Kalkulation der Affektionen und der Affekte beruhen. Dieser kritisch-emanzipatorische Anspruch ist einer der springenden Punkte, denn immersive Macht zeichnet sich gerade dadurch aus, dass ihre Kritik kaum mehr möglich ist, da die Subjekte das, was an sie herangetragen wird, als ihr Selbst erleben und nicht als Zurichtungen oder von außen kommende Ansprüche. Umso wichtiger ist es, die affektiv gesteuerten Formen immersiver Macht denkerisch zu durchdringen und in ihrer Funktionsweise verstehbar zu machen. Die Modulation des Subjekts in Affektionsverhältnissen kann also im Guten wie im Schlechten als ein Subjektivierungsprozess aufgefasst und die Gewordenheit der eigenen Affektfähigkeit als eine kritische „Onto-Genealogie unserer selbst" (28) untersucht werden.

Allerdings scheinen in Mühlhoffs umfangreicher Darstellung auch Widersprüche auf, die ich mir hier kurz anzuführen erlaube. So ist etwa mit dem Rückgang auf eine relationale Ontologie einerseits der Anspruch verbunden, eine antiessentialistische Theorie der Subjektivierung vorzulegen, während mit der beispielhaften Bestimmung affektiver Resonanz in Entwicklungspsychologie und Massenpsychologie andererseits eine anthropologistische Generalisierung betrieben wird, die dem Anspruch entgegensteht, der Singularität und der Pluralität des Subjektivierungsgeschehens Rechnung zu tragen. Daher sollte mit der Übertragung dieser Konzeption auf die Ebene ontogenetischer Entwicklung nach meiner Ansicht zurückhaltender umgegangen werden. Überdies stehen die Anleihen aus der Psychologie für mich in gewisser Weise im Widerspruch zur immanenztheoretischen Ausrichtung des kritischen Unternehmens, zumindest wenn man sich die umfassende Kritik des psychologischen Denkens bei Deleuze und Guattari noch einmal vor Augen führt. Vor allem aber bleibt letztlich doch die Frage offen, wie immersive Macht auf menschliche Individuen wirkt und in welcher Weise genau diese als körperlich-geistige Zusammenhänge moduliert werden. Für eine an der Phänomenalität der affektiven Erfahrung orientierte Beschreibung des Vorgangs der Affektion in konstituierenden Machtverhältnissen wäre eine engere Auseinandersetzung mit dem schwierigen Problem des Parallelismus und der Gleichursprünglichkeit körperlicher und geistiger Existenz bei Spinoza interessant gewesen. Denn gerade von hier aus lassen sich vielversprechende Einsichten in die Funktionsweise von Normen, Imaginationen, Ideologien und Dispositiven gewinnen, die durch eine schärfende Reduktion deutlicher hätten hervorgetrieben werden können. Mühlhoff blendet die umfangreichen philosophiegeschichtlichen Hintergründe und fachphilosophischen Debatten, die sich um sein theoretisches Fundament drehen, weitgehend aus und überträgt es auf Fragen und Probleme gegenwärtiger Subjektivierung. Dadurch wird mitunter der Eindruck erweckt, als sei die Verbindung des frühneuzeitlichen Denkens zu den Kontexten unserer Gegenwart irgendwie naheliegend, was selbstverständlich nicht der Fall ist. Da diese Verbindung aber ganz unbeeindruckt und souverän hergestellt und vor allem genutzt wird, wird deutlich, wie wichtig es ist, dass Philosophie sich nicht in exegetischen Rekonstruktionen verschanzt, sondern theoretisch fruchtbar gemacht und zur kritischen Analyse der Gegenwart herangezogen wird. Diesen Weg verfolgt die vorliegende Arbeit von Rainer Mühlhoff und insofern lässt sich sagen, dass hier in einem bestechend lebendigen, kritischen und politisch engagierten Sinn Philosophie betrieben wird.

Literatur

Ahmed, Sarah. The Cultural Politics of Emotion. New York: 2004.

Damasio, Antonio. Descartes’ Error: Emotion, Reason, and the Human Brain. New York: 1994.

Stern, Daniel. The Interpersonal World of the Infant. A View from Psychoanalysis and Development Psychology. New York: 1985.

Wetherell, Margret. Affect and Emotion. A new Social Science Understanding. London: 2012.

Massumi, Brian. The Autonomy of Affect. In: Cultural Critique 31, 1995, 83–110.

Nussbaum, Martha: Political Emotions. Why Love Matters for Justice. Harvard: 2013.

© 2018 Zeitschrift für philosophische Literatur, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE

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