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Symposium zu Crone, Katja: Identität von Personen. Eine Strukturanalyse des biographischen Selbstverständnisses. Berlin: de Gruyter 2016. X, 219 Seiten. [978-3-11-024650-6]

Warum es keine „Ich“-Gedanken gibt

Von Oliver Schütze (Universität Gießen)

Als Personen verfügen wir über ein Selbstverständnis: Wir verstehen uns als konkrete Personen mit diesen und jenen Eigenschaften, etwa wenn wir uns als jemanden verstehen, der schüchtern und ängstlich ist, und immer schon so war, aber so eigentlich nie sein wollte. Katja Crone will klären, was es heißt, über ein solches Selbstverständnis zu verfügen. Die Klärung besteht dabei vor allem darin, jene Fähigkeiten zu identifizieren und analysieren, die diesem Phänomen zugrunde liegen. Eine solche Voraussetzung ist die Fähigkeit einfacher Selbstbezugnahmen, wie wir sie typischerweise in Sätzen wie „Ich habe Angst“ oder „Ich denke, dass diese Situation gefährlich ist“ ausdrücken. Denn wer eine umfassendere Vorstellung davon entwickelt, wer und wie er ist, und wie er vielleicht sein möchte, der muss fähig sein, sich Persönlichkeits- und Charaktereigenschaften zuzuschreiben („Ich bin ängstlich“). Und dazu muss sie oder er zunächst in der Lage sein, sich sprachlich auf einzelne mentale Zustände oder Eigenschaften zu beziehen.

Um also wesentliche Bedingungen und Merkmale unseres Selbstverständnisses freizulegen, macht sich Crone in einem ersten Schritt (Kapitel 1) daran, die Merkmale dieser grundlegenden Form der Selbstbezugnahme zu bestimmen. Dabei schließt sie sich zunächst etablierten sprachanalytischen Untersuchungen an, die die semantischen und epistemischen Merkmale erstpersonaler Äußerungen identifizieren: die der Semantik von „Ich“ geschuldeten Unmöglichkeit der Fehlidentifikation; das „erlebnishafte Privileg“ (30) des Sprechers (er weiß am besten, wie sich der selbst zugeschriebene mentale Zustand anfühlt); und die – wenn auch auf die intendierte Interpretation eingeschränkte – Autorität von Selbstzuschreibung.

Doch nach Crone dürfen wir bei der Untersuchung der Merkmale sprachlicher Äußerungen nicht stehen bleiben, denn sonst würde das Selbstbewusstsein an sprachliche Fähigkeiten gebunden, und das „engt den zu klärenden Begriff von vornherein ein.“ (34). Zwar ist die Fähigkeit der sprachlichen Selbstbezugnahme Voraussetzung dafür, über komplexere Formen eines Selbstverständnisses zu verfügen; und in sprachlichen Selbstzuschreibungen manifestieren sich grundlegende Merkmale von Selbstbezugnahmen im Allgemeinen. Aber diese Merkmale sind nach Crone keineswegs theoretisch primitiv: Wir können nicht nur die charakteristischen Merkmale erstpersonaler Äußerungen identifizieren, sondern können sie auch weitergehend erläutern. Und dies müssen wir nach Crone sogar, wenn wir das vermeiden wollen, was José Bermúdez das „Paradox des Selbstbewusstseins“ (37) nennt: Der korrekte Gebrauch des Ausdrucks „Ich“ setzt bereits Sprecher voraus, die denken können, dass sich „Ich“ auf sie selbst bezieht, und mithin die Fähigkeit, selbstbezügliche Gedanken zu denken. Würde man daher umgekehrt annehmen, dass die Fähigkeit, selbstbezügliche Gedanken zu denken, die Beherrschung des Ausdrucks „Ich“ voraussetzte, hätte man einen Erklärungszirkel. Oder anders formuliert: Die Analyse von „Ich“-Äußerungen ist die Analyse von etwas, das bereits voraussetzt, was man mit dieser Analyse eigentlich erläutern möchte – nämlich die Fähigkeit, selbstbezügliche Gedanken zu denken.

Aus diesem Grund macht Crone die sprachanalytisch gewonnen Merkmale erstpersonaler Äußerungen zum Gegenstand weiterer Erläuterungsschritte. Der reflektierenden Form von Selbstbewusstsein, wie sie in Form sprachlicher Selbstbezugnahmen vorliegen, soll das „präreflexive Selbstbewusstsein“ (38) zugrunde liegen: eine nicht-begriffliche, nicht an die Voraussetzung einer Sprache gebundenen Form des Selbstgewahrseins. Dessen „erlebnishafte Eigenschaften“, die durch Rekurs auf phänomenologische Untersuchung geborgen werden (Kapitel 2), sollen die genannten sprachlichen Merkmale „klären“. So mache etwa die erlebnishafte Eigenschaft der „Meinigkeit“ (47) – ich erlebe meine mentalen Zustände als die meinen, als mir zugehörig – das Merkmal des Privilegs erstpersonaler Äußerung verständlich:

„Ich habe deswegen einen privilegierten Zugang zu meinen eigenen psychophysischen Zuständen und bin in einer besseren Position über ihren erlebnishaften Gehalt zu urteilen, weil sie mir als die meinen Zustände gegeben sind.“ (48)

In einem weiteren Schritt (Kapitel 3) sollen diese erlebnishaften Merkmale „weiter expliziert“ und ihr Status als Merkmale, die dem reflektierten Selbstbezug zugrunde liegen, untermauert werden. Dazu werden die phänomenologisch geborgenen erlebnishaften Merkmale in Antonio Damasios theoretischen Modell des (Selbst-)Bewusstsein, das sich auf empirische Befunde stützt, funktional verortet – womit zugleich die These gestützt werden soll, dass die erlebnishaften Eigenschaften funktionalistisch beschreibbar und mithin in einen naturalistischen Rahmen integrierbar sind. Allein bis hierhin – dem ersten Drittel des Buches – handelt es sich um ein ambitioniertes Projekt, das die Fäden unterschiedlicher, zuvor oft unverbundener Debatten zusammenführt, und das auf ein Bild hinausläuft, dessen Rechtfertigung sich auch aus dieser integrativen Leistung ergeben soll.

Mir geht es hier zunächst um einen vergleichsweisen kleinen Punkt in Crones Arbeit, der den Ausgangspunkt ihres Fadens betrifft, und zwar der sprachanalytischen Untersuchung unseres Selbstbezugs und der Weise, in der sich Crone davon distanziert – oder es eben nicht tut. Sie beginnt ihre sprachanalytischen Betrachtungen mit kurzen Bemerkungen zur Semantik des indexikalischen Ausdrucks „Ich“, die dann unmittelbar in einer substantiellen These über selbstbezügliche Gedanken münden: der These der essentiellen Indexikalität. Diesen Übergang möchte ich nachvollziehen, und dabei die These – hinter der zugegebenermaßen ein breiter Konsens steht – bezweifeln.

Die These der essentiellen Indexikalität besagt, dass erst-personale Äußerungen, und damit zusammenhängend auch selbstbezügliche Gedanken, sich nicht auf Äußerungen bzw. Gedanken reduzieren lassen, die nicht das Pronomen „Ich“ bzw. im Fall von Gedanken einen entsprechenden Begriff enthalten. Dabei werden drei miteinander verbundene Behauptungen aufgestellt. Die erste Behauptung betrifft die Übersetzbarkeit: Der Ausdruck „Ich“ lässt sich nicht „ohne Bedeutungsverlust“ (20) durch andere (koreferenzielle) Ausdrücke ersetzen. Die zweite Behauptung handelt von der psychologischen Rolle des Ausdrucks „Ich“ – von dem, was Crone als „praktisch-psychologischen Effekt“ des „Ausdrucks ‚Ich‘“ (21) bezeichnet. Er spiele eine nicht-reduzierbare Rolle dabei, unsere Gedanken handlungsrelevant werden zu lassen. Dies habe, so die dritte Behauptung, etwas mit den semantischen Merkmalen des Ausdrucks „Ich“ zu tun – mit seinem indexikalischen Charakter.

Um die psychologische Rolle von „Ich“ einzuführen und zu plausibilisieren, folgt Crone dem Philosophen John Perry und führt dessen Beispiel an:

Perry erblickt auf dem Boden des Supermarktes eine Zuckerspur, die sich durch mehrere Gänge hindurch zieht. Um dem ahnungslosen Verursacher der Spur Bescheid zu geben, verfolgt Perry die Spur, bis er feststellen muss, dass er selbst, Perry, der Verursacher war. […] Als ihm jedoch auffällt, dass er selbst derjenige ist, der Zucker verstreut, hat er nicht nur eine andere Überzeugung, sondern es ändert sich auch sein Verhalten. Denn die Einsicht, selbst der Verursacher der Zuckerspur zu sein, veranlasst ihn, die Zuckerspur nicht weiter zu verfolgen…. (20)

Es sollen also die semantischen Besonderheiten des Ausdrucks „Ich“ sein, welche die Verhaltensrelevanz der neu gewonnenen (selbstbezüglichen) Überzeugungen erklären. Um die folgenden Besonderheiten geht es:

Nach Perry hängt die Erklärungsfunktion mit dem Indexwort „ich“ der Proposition („dass ich das Chaos anrichte“) zusammen. Denn dieser Ausdruck hat in der gegebenen Situation die Eigenschaft, essenziell zu referieren. Gemeint ist damit, dass der indexikalische Ausdruck in dem gegebenen Kontext strikt auf Perry als Subjekt der Überzeugung verweist. Die indexikalische Funktion kommt ausschließlich dem Ausdruck „ich“ in diesem Kontext zu, was heißt, dass er nicht gegen einen anderen Ausdruck ausgetauscht werden könnte. Denn würde [er] gegen einen anderen Ausdruck ersetzt, gäbe es keine eindeutige Referenz zum Subjekt der Überzeugung. (20)

Die Verhaltensänderung von Perry im Beispiel sei also zurückzuführen auf eine geänderte Überzeugung, wobei hier vor allem die semantischen Eigenschaften von „Ich“ explanatorisch relevant seien. Warum sollte das nach Crone so sein? Weil der Sprecher in dem Fall, in dem er etwa mit einem Namen oder einer Kennzeichnung auf sich Bezug nimmt, an der Selbst-Identifikation mit dem Referenten des Ausdrucks scheitern könnte: Ersetzt man „Ich“ durch die Kennzeichnung „Der einzige Philosoph im Laden“ oder den Eigennamen „John Perry“, dann könnte es sein, dass der Sprecher (oder Denker?) nicht merkt, dass die Kennzeichnung oder der Name auf ihn zutrifft. Verwendet er den Ausdruck „Ich“, könne ihm das hingegen nicht passieren, weil er dann immun gegen eine Fehlidentifikation wäre. Es sei dieser „strikten“ Referenz geschuldet, dass dem Ausdruck „Ich“ seine besondere psychologische Rolle zukommt, die in dem Beispiel das Verhalten des Sprechers erklärt – und damit zusammenhängend, dass wir „Ich“ nicht ohne Bedeutungsänderung ersetzen können.

Auch wenn sich die These der essentiellen Indexikalität eines breiten Konsenses erfreut, so wurden schon früh Zweifel an ihrer Richtigkeit artikuliert, etwa durch Ruth Millikan (Millikan 1990). Diese Zweifel wurden jüngst von Herman Cappelen und Josh Dever systematisch ausbuchstabiert (Cappelen/Dever 2013). Meine Schwierigkeiten, diese These in der Fassung zu verstehen, die Crone vorlegt, haben vor allem damit zu tun, dass in den Erläuterungen die Unterschiede zwischen semantischen Eigenschaften öffentlicher Ausdrücke und psychologischen Eigenschaften mentaler Zustände zu verschwimmen scheinen: Etwa, wenn davon die Rede ist, dass die relevanten Eigenschaften der Überzeugung, welche die Verhaltensänderung erklärt, unter den semantischen Eigenschaften des öffentlichen Ausdrucks „Ich“ zu finden sein sollen; oder wenn Crone sagt: „Überzeugungen, deren Propositionen mithilfe eines „ich“-Satzes gebildet werden, kann nur die betreffende Person selbst haben“ (21). Ich möchte daher versuchen, Crones Überlegungen zu der Unterscheidung dreier Dinge ins Verhältnis zu setzen: (a) den öffentlichen Ausdrücken, (b) den Bedeutungen solcher Ausdrücke, die im Fall von Sätzen in Propositionen bestehen, und (c) den mentalen Zuständen (Überzeugungen), denen wir manchmal sprachlich Ausdruck verleihen. Mit dieser Unterscheidung hängt eine weitere zusammen, und zwar die Unterscheidung zwischen zwei Bedeutungen von „Gedanken“. Wir können unter einem Gedanken die durch einen öffentlichen Satz ausgedrückte Proposition verstehen, oder aber einen mentalen Zustand, etwa eine Überzeugung. Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidungen möchte ich gegen die These der essentiellen Indexikalität Folgendes gelten machen: indexikalisch ist der Ausdruck „Ich“; jedoch haben weder Propositionen noch mentale Zustände einen indexikalischen Charakter, zumindest nicht den von „Ich“. In diesem Sinne gibt es keine „Ich“-Gedanken, und folglich ist der indexikalische Charakter für die Verhaltenserklärung und für Fragen der semantischen Ersetzbarkeit und Übersetzbarkeit irrelevant.

So wie das Wort üblicherweise gebraucht wird, bezeichnet „Indexikalität“ eine Eigenschaft von Ausdrücken: es beschreibt die Weise, wie der Referent eines Ausdrucks festgelegt wird. Allgemeiner gesagt, es beschreibt, wie sein Beitrag zu den Wahrheitsbedingungen oder Erfüllungsbedingungen von Äußerungen, in denen er vorkommt, bestimmt wird. Im Fall indexikalischer Ausdrücke wird dieser Beitrag auf eine bestimmte Weise durch den Kontext festgelegt: „Du“ bezieht sich auf den im Kontext salienten Adressaten, und „Ich“ auf den Sprecher, also auf denjenigen, der das fragliche Vorkommnis von „Ich“ produziert. Auf diesem indexikalischen Charakter („indexikalischen Funktion“) soll nach Crone nun die strikte Referenz des Ausdrucks „Ich“ gründen – und auf dieser wiederum die Nicht-Übersetzbarkeit und die besondere Verhaltensrelevanz. Reden wir jedoch über den öffentlichen Ausdruck, dem ja die Eigenschaft der Indexikalität zukommt, dann ist der Punkt der strikten Referenz zumindest etwas irritierend. Denn dem üblichen Gebrauch zufolge referiert ein Ausdruck strikt (rigide), wenn er, sofern seine Bedeutung erstmal festgelegt ist, in jeder möglichen Welt denselben Referenten hat. Zwar variiert die Bedeutung von „Ich“ mit dem Kontext (dem Sprecher), aber ist diese Bedeutung einmal fixiert, so variiert der Referent nicht mehr – was immer sonst wir in der (möglichen) Welt verändern. Und darin unterscheiden sich Eigennamen gerade nicht. Sie sind vielmehr das Aushängeschild rigider Referenz: „John Perry“ referiert in allen möglichen Welten auf dieselbe Person. In jeder Welt, in der John Perry mit diesem Namen getauft wurde, referiert „John Perry“ auf John Perry, und in diesem Sinne referiert er strikt und eindeutig: Perry bezieht sich mit „Ich“ genauso strikt und eindeutig auf John Perry wie ich – oder auch er selbst – mit „John Perry“. Crone hingegen meint, „würde der Ausdruck ‚ich‘ durch einen anderen Ausdruck ersetzt, gäbe es keine eindeutige Referenz zum Subjekt der Überzeugung“ (20). Doch was die Referenz der öffentlichen Ausdrücke betrifft, ist dies nicht richtig: Die Formulierung in der dritten Person („Perry glaubt, dass er die Zuckerspur verursacht“), mit ihrem anaphorischen Rückbezug durch „er“ auf den Ausdruckstypen „John Perry“, stellt eine nicht weniger „eindeutige Referenz zum Subjekt der Überzeugung“ her als die Verwendung eines zweiten Vorkommnisses von „Ich“ in der erstpersonalen Formulierung („Ich glaube, dass ich die Zuckerspur verursache“). Und genau darauf verlassen wir uns in unseren alltäglichen sprachlichen Praktiken: dass wir trotz des Austauschs von Personalpronomina, auch durch Namen, über dasselbe reden können – etwa um zu berichten, was jemand anderes sagte.

Dieser Einwand mag wie ein rein terminologischer Punkt erscheinen, denn aus dem Text geht klar hervor, dass Crone etwas anderes im Sinn haben muss, wenn sie von dem strikten Verweis oder der strikten Referenz redet, die allein dem Ausdruck „Ich“ zukommen soll. Ihr Kriterium für strikte oder eindeutige Referenz ist eben kein (rein) semantisches Kriterium, das allein die Referenz des Ausdrucks betrifft – etwa, ob der öffentliche Ausdruck im Kontext seiner Verwendungen einen eindeutigen Referenten hat. Es ist vielmehr ein epistemisches Kriterium, das auf die Frage abzielt, ob der Sprecher sich über das, worauf der Ausdruck referiert, täuschen kann. Jetzt geht es darum, ob die Referenz aus der Perspektive des Sprechers epistemisch „sicher“ sei, ob es z. B. möglich ist, dass der Sprecher gar nicht merkt, dass er sich mit einem Ausdruck auf sich selbst bezieht. Und in diesem Sinne mag es epistemische Unterschiede zwischen dem Gebrauch von „Ich“ und Eigennamen geben. Der Sprecher könnte, wie es Crone beschreibt, einen „partiellen Gedächtnisverlust“ (21) erleiden und nicht mitbekommen, dass er sich mit der Verwendung seines eigenen Namens auf sich selbst bezieht. Und tatsächlich ist es schwieriger, sich Vergleichbares im Fall einer Verwendung von „Ich“ vorzustellen. Doch unmöglich ist es nicht. Schwieriger ist es, weil im Fall von „Ich“-Äußerungen der Sprecher lediglich bemerken muss, dass er das Vorkommnis von „Ich“ selbst hervorgebracht hat. Unmöglich ist es nicht, weil wir theoretisch auch darin scheitern können. (Meine eigene Grenzerfahrung dazu: In den Tiroler Alpen war das Echo meines „Ich bin hier“ so beeindruckend, dass ich es zunächst bezweifelte und glaubte, ein anderer hätte meinen Ruf erwidert.).

Doch selbst wenn wir hier einen prinzipiellen epistemischen Unterschied zugestehen: Es ist alles andere als ausgemacht, warum wir dieses epistemische Verhältnis zwischen öffentlichem Ausdruck und Sprecher zu einer Bedeutungseigenschaft des Ausdrucks erklären sollten. Und ich glaube, es gibt gute Gründe, dies nicht zu tun – auch wenn eingefleischte Fregeaner oder Neo-Fregeaner das wohl anders sehen werden.

Will man die semantischen Merkmale eines öffentlichen Ausdrucks bergen, ist es ratsam, ihn in seinem natürlichen Habitat zu betrachten. Paradigmatische Verwendungsweisen öffentlicher Ausdrücke sind kaum jene, bei denen wir im inneren Monolog vor uns her sprechen. Und so steht auch der öffentliche Ausdruck „Ich“ als kompositionaler Bestandteil von Äußerungen in kommunikativen Diensten zwischen einem Sprecher und einem Hörer. Und seine semantischen Eigenschaften wurden im Feuer jener Verwendungen geschmiedet, die in der Erfüllung dieses Zwecks standen. Der Job des öffentlichen Ausdrucks besteht nicht darin, dass der Sprecher sich selbst auf besonders sichere Weise identifiziert, oder Zugriff auf seine Verhaltenssteuerung gewinnt. Er besteht darin, dass der Hörer den Sprecher identifiziert, und zwar als Referenten; als denjenigen, von dem die Äußerung handelt. Es geht nicht um Selbst-Identifikation, sondern um Fremd-Identifikation, genau wie bei anderen singulären Ausdrücken auch. Wenn wir also über die Rolle oder Funktion des öffentlichen Ausdrucks sprechen wollen, dann besteht diese darin, dass der Hörer den Sprecher als den Referenten identifiziert. Daher gibt sie auch keinen Anlass anzunehmen, dass eine besondere psychologische oder epistemische Rolle zur Semantik dieses Ausdrucks gehört.

Selbst wenn wir uns durch diese Überlegungen nicht beeindrucken lassen, müssen wir uns fragen, was es heißen könnte, dass dieser indexikalische Charakter zur Bedeutung des Ausdrucks gehört. Was es nicht heißen kann, ist, dass die durch „Ich“-Äußerungen ausgedrückte Proposition – das, was gesagt wird – indexikalisch ist. Die Proposition kann nicht im wörtlichen Sinne indexikalisch sein: „Dass ich jetzt hier bin“ ist überhaupt keine Proposition; es ist nichts, womit ein Hörer etwas anfangen könnte, sofern nicht durch den Kontext bereits bestimmt ist, wovon die Ausdrücke handeln. Dass ein Ausdruck indexikalisch ist, sagt ja gerade etwas darüber aus, wie seine Bedeutung festgelegt wird, also dasjenige, was Bestandteil der Proposition ist. In die Proposition geht dann das ein, was im jeweiligen Kontext als Bedeutung des Ausdrucks bestimmt wurde – und nicht die Weise dieser Bestimmung! Wenn ich sage „Dies möchte ich haben“, dann wird die Bedeutung von „dies“ und mithin die Proposition durch die begleitende Zeigegeste mitbestimmt, aber die Zeigegeste wird dadurch nicht zum Bestandteil dessen, was gesagt wird. Noch weniger einleuchtend scheint mir dann die spezifischere Behauptung zu sein, dass es die (vermeintlich) besondere epistemische Relation zwischen dem Ausdruck „Ich“ und dem Sprecher ist, der zum Bestandteil dessen wird, was gesagt werden soll.

Aber genau davon hängt die Frage der Übersetzbarkeit bzw. der Ersetzbarkeit ab: Wenn der indexikalische und der besondere epistemische Charakter gar nicht in die durch „Ich“-Äußerungen ausgedrückte Proposition eingeht, dann gäbe auch es keinen Grund, warum wir dieselbe Proposition nicht mit Hilfe nicht-indexikalische Ausdrücke formulieren könnten. Und genau das, so scheint mir, ist auch der Fall: Wenn John Perry äußert „Ich glaube, dass ich die Zuckerspur verursache“, wenn ich zu ihm sage „Du glaubst, dass du die die Zuckerspur verursachst“, und wenn ich zu jemand anderem sage „Perry glaubt, dass er die Zuckerspur verursacht“, dann drücken diese Sätze dieselbe Proposition und in diesem Sinne denselben Gedanken aus – einen Gedanken, der von John Perry handelt und nicht von dem Verhältnis, in dem er zu dem Ausdruck „Ich“ steht, und auch nicht von einer besonderen psychologischen Rolle. „Ich“-Gedanken im Sinne von Propositionen mit indexikalischen Charakter gibt es also gar nicht.

Was ist aber nun mit dem angeführten Beispiel von Perry? Zeigt es nicht doch, dass der Ausdruck „Ich“ wesentlich für die Verhaltenserklärung ist? Nein, denn es sind nicht die Eigenschaften des öffentlichen Ausdrucks „Ich“, die das Verhalten im Perry-Beispiel erklären. Dies anzunehmen wäre eine Verwechslung der erklärenden (kausal wirksamen) Eigenschaften mit den Eigenschaften der Erklärung (des sprachlichen Ausdrucks); der Eigenschaften der psychologischen Zustände, welche das Verhalten erklären, mit Eigenschaften der sprachlichen Ausdrücke, mit denen wir uns auf diese Zustände beziehen. Was das Beispiel zeigt, wussten wir schon: dass wir in Handlungserklärungen die Perspektive des Handelnden berücksichtigen müssen. Nur weil Perry faktisch die Zuckerspur verursacht, muss er nicht wissen, dass er dies tut. Und erst die Erkenntnis, dass er es ist, kann die beabsichtige Handlung – den Verursacher zu stoppen – in Gang setzen. Wäre der Fall ein anderer und eine andere Person wäre die Ursache, dann müsste Perry eben zu dieser Einsicht kommen, um seine Absicht in eine Handlung zu überführen. All dies hat, wie mir scheint, nichts mit den vermeintlich handlungserklärenden Eigenschaften des Ausdrucks „Ich“ zu tun.

Manchmal spielen Ausdrücke tatsächlich eine Rolle bei der Erklärung von Handlungen, etwa in folgender Geschichte: Udo läuft über die Buchmesse, um sein Idol, Stephen King, zu treffen. Er weiß allerdings nicht mehr genau, wie King aussieht. Er dreht eine Runde nach der anderen, er begegnet immer wieder verschiedenen Autoren, darunter einem, der ein Schild mit dem Namen Bachmann trägt. Aber King findet er nicht. Dann fällt es ihm ein: „Bachmann“ ist Kings Pseudonym. Und erst jetzt kann er seine Absicht umsetzen und sich sein Autogramm abholen. Hier spielt der Name deshalb eine wichtige Rolle, weil die handlungsleitende Einsicht diesen Namen betrifft, also eine Einsicht über Ausdrücke ist. Aber selbst in diesem Fall scheint es nicht naheliegend, zu fragen: Welche besonderen semantischen Eigenheiten kommen dem Namen „Richard Bachmann“ oder „Stephen King“ zu, die erklären, weshalb der Sprecher plötzlich handeln kann? Und zwar deshalb, weil es hier nicht um die semantischen Besonderheiten der öffentlichen Ausdrücke geht, sondern um die psychologischen Besonderheiten des Akteurs: dass er vergessen hat, dass sich zwei Namen auf dieselbe Person beziehen, und dass ihm es dann wieder eingefallen ist. Aber erneut: diese Besonderheit müssen wir nicht zu einem semantischen Merkmal verklären.

Kommen wir auf Gedanken im zweiten Sinne zurück: Vielleicht sollte die These der essentiellen Indexikalität – entgegen ihrem Wortlaut – gar nicht vom öffentlichen Ausdruck „Ich“ und seiner Bedeutung handeln, sondern von mentalen Zuständen und Überzeugungen, die wir in paradigmatischer Weise durch „Ich“-Äußerungen ausdrücken. Immerhin wäre es dann nicht merkwürdig, von einer psychologischen Rolle oder von verhaltenserklärenden Eigenschaften zu sprechen. Der Vorschlag wäre also, die These der essentiellen Indexikalität so zu lesen: Die besondere psychologische Rolle von Ich-Gedanken beruht auf dem indexikalischen Charakter dieser mentalen Zustände; und vielleicht können wir in Richtung der Übersetzbarkeitsthese hinzufügen, dass daher solche Überzeugungen ihren angemessenen Ausdruck nur in „Ich“-Äußerungen finden, weil nur diese den indexikalischen Charakter der mentalen Zustände bewahren.

Doch wie ist die Rede vom indexikalischen Charakter mentaler Zustände zu verstehen, wenn Indexikalität zunächst eine Eigenschaft öffentlicher Ausdrücke ist? Wenn Ausdrücke indexikalisch sind, sofern ihre Bedeutung auf bestimmte Weise kontextuell bestimmt wird, dann kann man das nur so deuten: Mentale Zustände sind indexikalisch, sofern ihr Gehalt – das, was sie repräsentieren – auf bestimmte Weise durch den Kontext bestimmt wird. Daher kann nicht gemeint sein, dass der Gehalt mentaler Zustände indexikalisch ist. Aus denselben, oben genannten Gründen wie das, was gesagt wird, nicht indexikalisch sein kann, kann auch das, was repräsentiert wird, nicht indexikalisch sein: die Weise, wie der Gehalt festgelegt wird, ist nicht selbst Teil dieses Gehalts.

Indexikalisch können also nur die mentalen Zustände oder Repräsentationen im Sinne der Vehikel sein. Aber es ist unklar, was eine solche Behauptung motivieren könnte. Wir dürfen nicht einfach die semantischen Eigenschaften von öffentlichen Ausdrücken auf die Eigenschaften mentaler Zustände übertragen; und schon gar nicht im Fall der Indexikalität. Die semantischen Eigenschaften des Ausdrucks „Ich“ sind, wie gesagt, durch die Anforderungen an seine kommunikative Rolle bedingt – Anforderungen, die sich im Fall des Mentalen gar nicht stellen. Der Ausdruck „Ich“ ist als sprachliches Werkzeug deshalb so nützlich, weil unterschiedliche Sprecher mit dem gleichen Ausdruck auf sich referieren können – und Hörer dies, ohne viel Vorwissen über den Sprecher, verstehen. Und diese Nützlichkeit ist gerade seiner Indexikalität geschuldet: dass derselbe Ausdruck in unterschiedlichen Kontexten – also bei unterschiedlichen Sprechern – auf unterschiedliche Referenten abbildet, und zwar immer auf dieselbe Weise, nämlich immer auf den Produzenten von „Ich“. Doch welches theoretische Bedürfnis sollte es im Fall eines Denkers geben, das eine Repräsentation erfordert, die indexikalisch ist? Es ist schließlich immer derselbe Denker, der die Repräsentation verwendet. Also bleibt der relevante Kontext konstant und damit auch das Bezugsobjekt. Daher ist nicht zu sehen, wieso wir hier einem dem Ausdruck „Ich“ entsprechenden indexikalische Charakter annehmen sollten (vgl. Millikan 1990).

Um den Einwand zusammenzufassen: Was indexikalisch ist, ist der öffentliche Ausdruck „Ich“, aber dieser ist als Ausdruck irrelevant für Verhaltenserklärungen, und sein indexikalischer Charakter ist irrelevant für Fragen der Ersetzbarkeit. Indexikalisch ist weder der Gedanke im Sinne einer durch eine Äußerung ausgedrückten Proposition noch der Gedanke im Sinne eines mentalen Zustandes – weder der Gehalt von mentalen Zuständen noch die repräsentationalen Vehikel. In diesem Sinne gibt es also gar keine „Ich“-Gedanken, d. h. keine Gedanken, die den indexikalischen Charakter von „Ich“ teilen. Und weil es sie nicht gibt, gibt es auch keine essentielle Indexikalität.

Angesichts der thematischen Reichweite von Crones Überlegungen sind meine Anmerkungen sicherlich etwas kleinkariert und man könnte schulterzuckend darauf regieren, weil sie vielleicht gar keine weitreichenden Implikationen für die zentralen Aspekte ihrer Arbeit haben. Aber sofern Crone selbst davor warnt, mentale Phänomene nicht zu eng an sprachliche Phänomene zu binden, ist die Nachfrage berechtigt, warum Crone der These der essentiellen Indexikalität folgt – einer These, bei der starke Zweifel an einer solchen engen Verbindung bestehen, wie ich versucht habe plausibel zu machen. Und wenn sich die These der essentiellen Indexikalität nicht halten lässt, dann ist die Semantik von „Ich“ auch kein Modell für selbstbezügliche Gedanken; es wäre damit offen und mithin zu klären, wie solche Repräsentationen semantisch funktionieren. Hier stellt sich die Frage, ob eine solche Klärung nicht der Untersuchung der erlebnishaften Eigenschaften vorangehen müsste.

Literatur

Cappelen, Herman, und Dever, Josh. The Inessentiell Indexical. On the Philosophical Insignificance of Perspective and the First Person. Oxford: Oxford University Press, 2013.

Millikan, Ruth G. „The Myth of the Essential Indexical.“ Nous 24.5 (1990), 723–734.

© 2019 Zeitschrift für philosophische Literatur, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE

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