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Zeitschrift für philosophische Literatur 2. 1 (2014), 1–11

Satz, Debra: Why Some Things Should Not Be For Sale. The Moral Limits of Markets. New York: Oxford University Press 2010. 252 Seiten. [978-0-19-989261-70]

Rezensiert von Martin Hartmann (Universität Luzern)

Lehrbücher für Volkswirtschaft machen es sich leicht. Was sind Märkte? „Ein Markt besteht aus Gruppen potenzieller Käufer und Verkäufer eines Guts. Die Gruppe der potenziellen Käufer bestimmt die Nachfrage nach dem Gut, die Gruppe der Verkäufer bestimmt die Güterangebote“ (Mankiw/Taylor 2012: 77). Welche Güter ausgetauscht werden und wie die Käufer und Ver­käufer unabhängig von ihrem Interesse am Kauf oder Verkauf eines Guts zu­einander stehen, wird nicht weiter thematisiert. Genau dieses vereinfachte Bild von Märkten möchte Debra Satz in ihrem Buch Why Some Things Should Not Be For Sale kritisieren und durch ein komplexeres Bild von Märkten erset­zen. Zugleich möchte sie zeigen, dass es Güter gibt, die auf Märkten nicht getauscht werden sollten, selbst wenn das schon der Fall ist oder der Fall sein könnte. Beide Punkte lassen sich in Satz’ Augen zusammenführen: Erst ein angemessen komplexes Verständnis von Märkten macht deutlich, warum manche Märkte aus moralischen Gründen begrenzt werden sollten.

Im ersten Kapitel des Buchs, „What Do Markets Do?“ unternimmt Satz den Versuch, das volkswirtschaftlich verkürzte Verständnis von Märkten zu korrigieren. Dabei möchte sie unterscheiden zwischen einzelnen Märkten und dem Marktsystem (16, 91), das die einzelnen Märkte zu einem Gesamtmarkt vereint, so dass wir eben von Marktwirtschaft reden. Dieser Aspekt wirkt un­scheinbar, aber wenn im Untertitel des Buchs moralische Grenzen von „Märkten“ angesprochen werden, dann verweist das darauf, dass Satz nicht die Marktwirtschaft als solche kritisieren möchte, sondern einzelne Märkte, die folglich nach einer sehr spezifischen Analyse verlangen. Ob einige der moralischen Probleme, die einzelne Märkte betreffen, in irgendeinem umfas­senden Sinne mit dem Marktsystem als System zusammenhängen, wird letzt­lich nicht erörtert, ein Punkt, auf den zurückzukommen sein wird.

Märkte werden von Satz als soziale und ökonomische „Mechanismen“ bezeichnet, auf denen sich Preise bilden, die das Verhalten vieler, einander unbekannter Individuen koordinieren und die individuelle Wahlmöglichkeiten schaffen, die dazu beitragen, die Freiheit des einzelnen zu substantialisieren (33). Unter idealen Bedingungen sind die Marktteilnehmer voll informiert über ihre eigenen Präferenzen und über die Qualität der Güter, die sie erwer­ben wollen, die Markttransaktion verursacht keine Kosten für unbeteiligte Dritte (Externalitäten) und das System erreicht volle Effizienz im Sinne der Pareto-Optimalität: die Position keines einzelnen lässt sich verbessern, ohne die eines anderen zu verschlechtern, alle haben folglich das Höchstmaß an Befriedigung ihrer Präferenzen erreicht, das im gegebenen System möglich ist. Satz bestreitet nicht, dass Märkte auf diese Weise Effizienz (der Präferenzbe­friedigung) und Freiheit fördern. Allerdings verweist sie darauf, dass Märkte („in real-world scenarios“, 21) nie ideal sind und sie betont die institutionelle Infrastruktur von Märkten, die in ökonomischen Analysen oft ausgespart wird. Märkte brauchen staatliche gesicherte Eigentumsrechte, plurale Instan­zen des freien Informationsflusses, sie benötigen Vertrauen und politische Einrichtungen, die Monopolbildungsprozesse verhindern (26–31). Ein weite­rer, kaum explizit genannter Punkt betrifft weniger die realen Märkte als ihre theoretische Modellierung, wobei, das sei angemerkt, beide Phänomenberei­che bei Satz gelegentlich auf undeutliche Weise verschwimmen: Marktmo­delle, also etwa Theorien der Volkswirtschaft über Märkte, enthalten stets eine moralische Dimension, und zwar auch dann, wenn das im Rahmen der Theo­rie gar nicht explizit benannt wird. Dass Präferenzbefriedigung etwa das Maß der Beurteilung von Pareto-Optimalität sei, so Satz, eine „normative An­nahme“ (20) und keine bloß deskriptive Kategorie. Satz interessiert sich des­wegen im zweiten Kapitel, „The Changing Visions of Economics“, für die Markttheorien der klassischen politischen Ökonomie – erwähnt werden vor allem Adam Smith und David Ricardo , in deren Rahmen Märkte explizit in ihren moralischen Leistungen beurteilt worden seien, also etwa unter dem Gesichtspunkt der Befreiung feudal gefesselter Subjekte.

Dass Märkte und ihre Modelle nicht ohne Verweis auf moralische As­pekte gedeutet werden sollten, heißt aber nicht, dass sie sich unmittelbar mo­ralisieren lassen oder über eine spezifische, gleichsam dem Markt intrinsische Moral verfügen. Einen solchen „moral view of the market“ weist Satz im dritten Kapitel des Buchs, „The Market’s Place and Scope in Contemporary Egalitarian Political Theory“, in einer Auseinandersetzung mit Ronald Dwor­kin und anderen egalitaristischen Ansätzen zurück. Egalitaristische Ansätze des Verhältnisses von Markt und Moral lassen sich danach unterscheiden, ob sie die von Märkten verursachten Ungleichheiten ex post durch Umverteilung oder durch Befreiung bestimmter Güter (etwa der Gesundheitsfürsorge) von Marktmechanismen kompensieren wollen. Ein drittes egalitaristisches Markt­modell aber spricht dem Markt an sich eine eigene Moralität zu, indem Gleichheit nicht gegen den Markt etabliert werden muss, sondern unter be­stimmten – freilich idealen – Bedingungen vom Markt selbst produziert wer­den kann (63–65). Märkte sind in diesem Sinne moralisch (weil egalitaris­tisch), wenn sie die Marktteilnehmer für ihre Entscheidungen und Präferen­zen gleichermaßen zur Verantwortung ziehen, so dass Güterverteilungen den Willen der Marktteilnehmer widerspiegeln. Verfügen Markteilnehmer in einer Verteilungssituation etwa über eine gleiche Ausgangslage oder gleiche Res­sourcen (equality of resources) wie in Dworkins berühmten Auktionsmodell, dann können sie sich nach Vollzug der Verteilung nicht über das je erreichte Verteilungsmuster beschweren, weil die von ihnen getätigten Einkäufe ihre Präferenzen und zugleich die Präferenzen der anderen Marktteilnehmer bün­deln. Alle Marktteilnehmer werden diesem Modell nach genau dann mit glei­cher Achtung behandelt, wenn sie auf der Basis einer gleichen ökonomischen Ausgangslage Entscheidungen fällen können, die ihre jeweiligen Präferenzen unverzerrt widerspiegeln.

Satz jedoch zweifelt daran, dass es einen solchen „begrifflichen Konnex“ zwischen Markt und Gleichheit gibt (65), weil sie nicht glaubt, dass uns Märkte – selbst unter den idealen Ausgangsbedingungen Dworkins – Aus­kunft darüber geben können, welche Ressourcen man zu Recht am Anfang haben darf und welche Verteilungsergebnisse wirklich fair sind. Ein Kritik­punkt in dieser Hinsicht betrifft zunächst die normative Qualität unserer Prä­ferenzen. Sollen wir wirklich alle Präferenzen gleich gewichten, auch wenn unklar ist, wie „authentisch“ unsere jeweiligen Präferenzen sind (70)? Präfe­renzen sind nicht einfach gegeben, sie sind vielfach kontextuell gebrochen, sind manipuliert (Werbung) oder wandeln sich schnell. Es kann einfach nicht sein, dass eine Gesellschaft alle Präferenzen in ethischer Hinsicht gleich be­handeln soll. Was hier freilich mit „ethisch“ gemeint sein soll, bleibt unklar, Satz spielt offenbar auf die Tatsache an, dass wir (aber wer ist „wir“?) über Kriterien verfügen (Authentizität?), die es erlauben, nicht alle Präferenzen als gleich wertvoll zu betrachten. Aber diese ethische Dimension wird an diesem Punkt nicht weiter ausbuchstabiert und bleibt folglich ein wenig in der Luft hängen. Deutlicher wird das Gemeinte erst, wenn die weiteren Kritikpunkte genannt sind: Auch Dworkins ideales Modell kann nicht davon ausgehen, dass alle Menschen tatsächlich in allen relevanten Hinsichten gleich sind; manche Menschen haben von Geburt an bestimmte Behinderungen, Schwä­chen oder chronische Krankheiten und sind insofern ungleich. Auch wenn wir uns darauf einigen, dass wir als Gesellschaft steuerfinanzierte Kompensa­tionen für derartige Behinderungen schaffen, wäre es falsch zu meinen, alle Nachteile, die sich aus Behinderungen ergeben, ließen sich finanziell kompen­sieren (71). Eine Gesellschaft, die Nachteile, die aus Behinderung oder chro­nischer Krankheit erwachsen, ernsthaft bekämpfen will, muss andere Ge­bäude und Stadtarchitekturen schaffen, andere Arbeitsstrukturen etablieren sowie gewandelte kulturelle Einstellungen fördern, denn in allen diesen Hin­sichten werden Behinderte und chronisch Kranke benachteiligt. Faire öko­nomische Ausgangsbedingungen in einer imaginären Auktion helfen nicht, diese vielfältigen Formen der Diskriminierung zu beheben, zumal es hier nicht primär um faire marktgenerierte Güterverteilungen geht, sondern um die Frage der Inklusion in die Gesellschaft. Märkte können diese umfassende soziale Inklusion nicht gewährleisten, weil unklar ist, ob die vorhandenen kollektiven Präferenzstrukturen je in diese Richtung tendieren werden oder auch nur tendieren können (72). Gefährdet ist dann aber das, was Satz schon früher in dem Buch das Vermögen der Individuen nennt, „als Gleiche zu in­teragieren“ (65). Weil Märkte kulturelle Stereotypen nicht wirklich modifizie­ren, sondern eher noch bestärken oder einfach nur transportieren, sind sie per se kein Instrument, um Gleichheit im Sinne von Interaktion unter Gleichen zu bewerkstelligen. Ähnlich verhält es sich mit verinnerlichten Rollenbildern von Frauen und Männern. Wenn Frauen schon aus kulturellen Gründen noch immer häufig der Auffassung sind, dass die häusliche Sphäre eher als Tätig­keitsfeld für sie geeignet ist als andere Arbeitsbereiche, dann könnte es aus einer Marktperspektive so aussehen, als handelte es sich hier um eine genuine Präferenz vieler Frauen, gegen die ethisch nichts einzuwenden wäre. Wer lie­ber Kinder großzieht, als Karriere zu machen, hat sich dann, so scheint es, aus freien Stücken dafür entschieden (72f.). Geht man aber davon aus, dass in diese Präferenz gleichsam jahrhundertealte Vorurteilsmuster eingeflossen sind, die eine normativ akzeptierte strukturelle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern voraussetzen, wird fraglich, ob es sich hier um „authentische“ Präferenzen handeln kann oder handeln sollte. Ohne dass Satz an dieser Stelle so argumentieren würde, könnte man sagen: Präferenzen sollten nur dann ge­sellschaftlich relevant sein, wenn sie unter genuin egalitären Bedingungen ausgebildet wurden, ihre gleiche Achtung kann damit aber nicht die Basis für ein Urteil über die Fairness einer Verteilung sozialer Güter sein. Damit wird klarer, was mit dem Begriff „ethisch“ gemeint ist. Die ethische Beurteilung bestimmter Präferenzmuster verlangt eine Untersuchung der komplexen kul­turellen, sozialen und historischen Bedingungen, unter denen Präferenzen entstanden sind; als Kriterium für die ethische Güte einzelner Präferenzen ist dabei die Frage heranzuziehen, ob diese Bedingungen selbst schon hinrei­chend egalitär sind, um genuin authentische Präferenzen im Sinne eines mo­dernen egalitaristischen Ideals zu generieren. Märkte und ihre Modelle repro­duzieren nun, das ist eine Schlussfolgerung von Satz, Präferenzmuster, die unter ungleichen Bedingungen entstanden sind und verfügen über kein inter­nes Korrekturinstrument derartiger Präferenzen. Die Frage der Fairness einer Verteilung und auch die der ethischen Relevanz von Präferenzen kann folg­lich nicht von Märkten allein beantwortet werden, so wenig wie Märkte in der Lage sind, Gleichheit zwischen Individuen zu schaffen. Hinzuzufügen bleibt, dass die „moralischen“ Grenzen von Märkten, um die es im weiteren Verlauf des Buchs geht, mit Hilfe einer marktexternen Moral formuliert werden müs­sen. Die Leistungen von Märkten müssen sozusagen stets im Lichte externer moralischer Kriterien bewertet werden, die nicht vom Markt selbst zur Verfü­gung gestellt werden.

Ist man der Argumentation von Satz soweit gefolgt, läge es nun nahe, den Marktmechanismus insgesamt einer Untersuchung zu unterziehen. Aber erneut betont Satz, dass sie nur einzelne Märkte, nicht aber das „Marktsys­tem“ im Ganzen in den Blick nehmen will (91). Aus ihrer Sicht ist diese Zu­rückhaltung durchaus konsequent. Die ungleiche gesellschaftliche Stellung von Behinderten oder chronisch Kranken etwa, aber auch die noch immer vorhandenen Benachteiligungen von Frauen haben in Satz’ Augen ihre Quelle nämlich nicht im Funktionieren bestimmter Märkte oder gar des Marktsys­tems im Ganzen. Wie man ihren Ausführungen in den nächsten Kapiteln (an manchen Punkten eher implizit) entnehmen kann, haben diese Ungleichhei­ten und Benachteiligungen vielfältige Quellen und sind keineswegs einseitig ökonomistisch zu deuten. Zwar haben manche Märkte auch an sich negative Konsequenzen für einzelne oder für die ganze Gesellschaft (etwa, wenn sie Umweltschäden produzieren), viele Märkte aber versagen genau in dem Maße, in dem sie diese bereits vorhandenen Ungleichheiten reproduzieren oder bestärken, sie versagen nicht dadurch, dass sie diese Ungleichheiten über­haupt erst herbeiführen. Unter genuin egalitären Umständen hätten Märkte, das betont Satz an verschiedenen Stellen des Buchs, nicht die gleichen schäd­lichen Konsequenzen, die sie haben, wenn Ungleichheiten schon vorliegen. So gesehen kann es ihr gar nicht um eine fundamentale Marktkritik gehen, denn Märkte sind oft nur schädlich, weil sie bereits vorhandene Schäden ver­schärfen, ausnutzen oder perpetuieren, wenn sie also dazu beitragen, Un­gleichheiten des Status von Personen zu zementieren. Fast alle Beispielfelder, die Satz nennt – Kinderarbeit, Prostitution, Leihmutterschaft, Organhandel oder Zwangsarbeit –, gehen von bereits schwachen Marktteilnehmern aus, die durch die erwähnten Märkte zusätzlich geschwächt werden. Ob Märkte aber eine kausale Rolle spielen, wenn es darum geht zu klären, warum die Indivi­duen so schwach sind, wird von Satz nicht thematisiert.

Märkte sind „giftig“ (noxious) im Lichte von zwei Parametern, die von Satz unterschieden werden: den Konsequenzen der Märkte und der „Quel­len“ der Märkte (94ff.). Die Rede von „Quellen“ von Märkten (sources of particular markets) ist allerdings eher missverständlich, weil die Phänomene, die dort beschrieben werden, nicht in irgendeinem Sinne ursächlich für Märkte sind, sondern spezifische Märkte und ihre genauere Struktur charakte­risieren. Es geht letztlich um den Zustand derer, die auf Märkten agieren. So sind manche Marktteilnehmer nur unzureichend über wichtige Marktmecha­nismen informiert, so dass sie sich über die Konsequenzen ihres Handelns nicht im Klaren sein können (Beispiel: Leihmutterschaft); andere Märkte sind giftig, wenn Marktteilnehmer mit sehr unterschiedlichen Ressourcen auf den Markt kommen, so dass die stärkere Seite die Transaktion für sich ausnutzen kann (Beispiel: Verkauf von Land an Agrarkonzerne). Mit Blick auf die Kon­sequenzen von Märkten gibt es Märkte mit schädlichen Konsequenzen für Individuen, etwa wenn grundlegende Wohlfahrtsinteressen der Individuen nicht befriedigt werden (Beispiel: starker Bedarf nach teuren Medikamenten), und Märkte mit schädlichen Konsequenzen für die Gesellschaft, etwa Märkte (Kinder- und Zwangsarbeit), die die Fähigkeit der Individuen untergraben, ihre Rechte demokratisch einzuklagen. Natürlich überschneiden sich diese negativen Effekte von Märkten, so dass es sich hier eher um analytische Un­terscheidungen handelt. Problematisch sind alle diese vergifteten Märkte nun vor allem, weil sie, wie bereits erwähnt, die Marktteilnehmer daran hindern, voll in die Gesellschaft integriert zu werden, weil sie also ihre bürgerschaftli­che Gleichheit untergraben (Kapitel 4). Es wird gleich deutlich, inwieweit diese egalitaristisch orientierte Perspektive mit anderen marktkritischen An­sätzen bricht.

Wie genau sieht nun ein typisches Argumentationsmuster von Satz aus? Die weiteren Kapitel des Buchs (Kapitel 5 bis 9) enthalten Fallbeispiele, an denen die im vierten Kapitel dargelegte Struktur „giftiger“ Märkte erläutert wird. So geht das fünfte Kapitel (115–134) auf die Problematik der Leihmut­terschaft ein. Ist es für Frauen moralisch fragwürdig, die eigene Reprodukti­onsfähigkeit zu „vermieten“, um Eltern, die selbst keine Kinder bekommen können, diesen elementaren Wunsch zu erfüllen? Satz weist die Praxis der Leihmutterschaft unter gegenwärtigen Bedingungen zwar zurück, aber nicht, weil sie davon ausgeht, dass Gebärfähigkeit für Frauen besonders identitäts­stiftend ist und nicht kommerzialisiert werden darf, weil die Arbeit der Schwangerschaft und Geburt eine ganz und gar andere Arbeit ist als viele an­dere Formen körperlicher Arbeit und insofern nicht diesen Arbeiten gleich gesetzt werden kann oder weil Leihmütter keine normalen Gefühle zu „ihren“ Kindern entwickeln dürfen und deswegen ein verdinglichtes Verhältnis zu diesen Kindern aufbauen müssen, das nicht den „natürlichen“ Gefühlen einer Mutter zu ihrem Kind entspricht. Solche Argumente nennt Satz „essentialis­tisch“. Es sei schlicht falsch, das Mutter-Kind-Verhältnis für sakrosankt zu halten oder zu suggerieren, es gäbe hier biologische Grundlagen für eine be­sonders enge Bindung nur zu eigenen Kindern. Manche Mütter treiben ab, an­dere schaffen es überhaupt nicht, eine enge Bindung zum eigenen Kind auf­zubauen (122). Was hier also normal sein soll, bleibe unklar, mehr noch, die Annahme, es gäbe hier Standards der Normalität transportiere nur kulturell tiefsitzende Vorurteile über Weiblichkeit und Kinder.

Für Satz liegt das Problem nicht in dem besonderen Charakter des Mut­ter-Kind-Verhältnisses, der durch „Vermietung“ der Gebärfähigkeit zerstört, verdinglicht oder kommerzialisiert wird, sondern in bereits bestehenden Un­gleichheiten zwischen den Geschlechtern, die durch Leihmutterschaft ver­stärkt (reinforce, 129) werden. Dass der Körper der Frau von anderen kon­trolliert wird, ist problematisch, weil diese anderen in der Regel Männer sind und weil Versuche, Kontrolle über die weibliche Reproduktion und Sexualität auszuüben, zu den traditionellen Wegen der systematischen Benachteiligung von Frauen gehören: „The fact that pregnancy contracts […] give someone control over someone else’s body is not the main issue; rather the issue is that in contract pregnancy the body that is controlled belongs to a woman, in a society that historically has subordinated women’s interests to those of men, primarily through control over women’s sexuality and reproduction“ (129). Leihmutterschaft trägt in diesem Sinne zur Ungleichheit der Geschlechter bei und ist deswegen zu verurteilen. Ganz ähnlich ist die Argumentation im Fall von Prostitution, der im sechsten Kapitel behandelt wird. Erneut werden „es­sentialistische“ Argumente zurückgewiesen, wonach Sexualität enger mit un­serem Selbstverständnis verbunden sei, so dass die Kommerzialisierung von Sexualität mit einer moralisch unzulässigen würdelosen Kommerzialisierung der Person einhergehe (141). Und erneut heißt es, es sei keineswegs klar, dass man hier klar angeben könne, was normal sein. Manche Menschen haben kein Problem damit, sich auch außerhalb expliziter Prostitutionsverhältnisse von anderen „benutzen“ zu lassen, für manche ist Sexualität bloß eine Art Sport etc. Wenn Prostitution problematisch sei, dann, weil auch hier eine bereits bestehende Ungleichheit der Geschlechter fortgeführt werde: „If prostitution is wrong it is because of its effects on how men perceive women and on how women perceive themselves. In our society prostitution represents women as the sexual servants of men.“ (146) Gäbe es dagegen auch eine florierende und gesellschaftlich akzeptierte Prostitution von Männern, dann sähe die Lage schon anders aus. Mit anderen Worten, unter anderen kulturellen Bedingun­gen müsste Prostitution kein Problem sein, der Verkauf von Sexualität ist nur dann zu verwerfen, wenn er sich unter diskriminierenden Rahmenbedingun­gen vollzieht und diese stützt (148). Gleiches gilt für die Leihmutterschaft: „[…] under very different background conditions, such contracts would be less objectionable“ (131). Solange diese Bedingungen nicht vorliegen, sollte zumindest Prostitution entweder verboten oder stark reguliert werden (prakti­sche Forderungen zum Umgang mit Leihmutterschaft formuliert Satz nicht).

Wie ist mit diesen Argumenten umzugehen? Zunächst ist auf einen Punkt hinzuweisen, der schon genannt worden ist. Satz hat im Prinzip keine Einwände gegen Leihmutterschaft und Prostitution an sich, also auch nicht gegen kommerzialisierte Formen beider Praktiken. Im Umkehrschluss folgt daraus, dass auch nicht-kommerzielle Formen der Leihmutterschaft, wenn es sie denn gäbe, und nicht-kommerzielle Formen der Sexualität, die es sicher gibt, dann moralisch dubios sind, wenn sie unter insgesamt diskriminierenden kulturellen Rahmenbedingungen stattfinden. Zumindest müsste man dies an­nehmen, wenn unklar ist, welche Rolle Märkte in beiden Feldern tatsächlich spielen. Mehr noch, auch Hausarbeit oder „schmutzige“ Arbeit, die oft von kulturell diskriminierten Gruppen ausgeübt wird, müsste verwerflich sein. Satz verwendet im Text häufig Formulierungen, wonach Märkte dann „giftig“ sind, wenn sie bestehende Ungleichheiten widerspiegeln, reproduzieren, be­stärken oder perpetuieren. Gelegentlich heißt es aber auch, dass Märkte die Beziehungen zwischen Individuen „formen“ (shape, 132). Es sollte deutlich sein, dass es einen erheblichen Unterschied für die Beurteilung der Vermarkt­lichung sozialer Phänomenen macht, ob Märkte Diskriminierung kausal her­beiführen und wesentlich mit sich bringen oder ob sie bereits bestehenden Ungleichheiten neue, besonders potente Instrumente der Artikulation dieser Ungleichheiten bieten. Ist Letzteres der Fall, trifft die Kritik nicht den Markt an sich, sondern nur die Rolle, die der Markt in seinem kulturellen Umfeld ausübt. Damit sind Märkte naturgemäß nicht entlastet und Satz diskutiert viele gute Gründe, die für eine Regulierung solcher Märkte sprechen. Aber die Marktkritik bleibt den Märkten gewissermaßen äußerlich, was sich ja schon daran zeigt, dass nach dem Argumentationsmuster von Satz auch jede nicht-marktförmige Diskriminierung und Ungleichbehandlung moralisch zu ver­werfen ist. Moralisch problematisch sind Märkte, die soziale Ungleichheit re­produzieren, die aber auch ohne Märkte moralisch problematisch ist.

Man könnte meinen, dass Satz selbst in den drei letzten Kapiteln des Buchs, die sich mit Kinder- und Zwangsarbeit sowie mit Organhandel be­schäftigen, ihre Kritik an Märkten schärfer fasst. Denn in diesen Kapiteln scheint das bloße Vorhandensein solcher Märkte eigene diskriminierungsrele­vante Motivationen und Einstellungen zu produzieren, die gleichsam intrin­sisch mit ihnen verbunden sind (siehe etwa 184f.). Kinder- und Zwangsarbeit beispielsweise wären dann niemals akzeptabel, weil jeder Anschein von Frei­willigkeit oder etwa der Nachweis, dass die betroffenen Individuen mit dieser Arbeit ökonomisch besser dastehen als ohne diese Arbeit (und dieser Nach­weis ist leicht zu führen), notwendig über die unaufhebbaren Statusungleich­heiten, die mit dieser Art Arbeit immer einhergehen, hinwegtäuschen würde. In bestimmten Gegenden Indiens etwa ermöglicht der dort vorhandene Han­del mit Nieren den Kreditgebern die Nieren der Ehefrauen der Kreditnehmer als eine Art Kreditausfallversicherung einzuklagen (200). Die bloße Existenz eines Marktes also schafft Opportunitätsstrukturen, die dazu beitragen, neue Druckmittel und damit auch neue Ungleichheiten zu schaffen. Wiederholt erwähnt Satz darüber hinaus, dass Märkte Effekte auf Motive, Pläne und Fä­higkeiten von Menschen haben können und nicht einfach nur bereits vorhan­dene Motive oder Präferenzen aufnehmen (etwa 186).

Doch selbst in diesen Kapiteln ist die Lage nicht ganz eindeutig, denn Satz lässt keinen Zweifel daran, dass nur solche Individuen überhaupt Zwangs- oder Kinderarbeit (und auch Organhandel) als Option für sich se­hen, die politisch, sozial und kulturell bereits extrem geschwächt sind. Ja, sie erwägt in fast schon erschreckender Weise, ob es nicht ideale Bedingungen geben könne, unter denen sogar Zwangsarbeit (bonded labor), also die le­benslange Bindung an einen Arbeitgeber (andere sagen: moderne Sklaverei), keine verzweifelte letzte Option und das heißt: genuin freiwillig sein könne (183). Was sich hier zeigt, ist eine starke Ambivalenz gegenüber Märkten, die dazu führt, dass Satz an wichtigen Punkten des Buchs ihre Marktkritik gleich­sam abbremst. Denn wenn Märkte immer dann aus moralischen Gründen mit Hilfe staatlicher Instanzen begrenzt werden müssen, wenn sie nicht in der Lage sind, die Akteure, die auch unabhängig von Märkten in ihrer Handlungs­fähigkeit geschwächt sind (etwa aufgrund jahrhundertealter Diskriminierung), wieder handlungsfähig zu machen, dann bleibt zumindest offen, welche Rolle die Märkte selbst mit Blick auf die schwache Ausgangssituation vieler Akteure spielen. Warum sind denn viele Frauen in einer derart schwachen Position, dass sie ihre Gebärmutter oder ihren Körper vermieten oder verkaufen? Wa­rum kommen Eltern auf den Gedanken, die Arbeit ihrer Kinder zu verkaufen oder anderen ihre Nieren anzubieten? Wenn Märkte auf nicht-kontingente Weise auch hiermit etwas zu tun haben, dann wäre zu fragen, ob es je ideale Märkte im Sinne Satz’ geben kann. Satz suggeriert, dass „giftige“ Märkte durch politische Regulierungsmaßnahmen restrukturiert und eingegrenzt wer­den müssen (Abhilfe muss also vom Staat kommen), aber sie schreckt vor der Schließung bestimmter Märkte zurück (210). Auffällig ist auch, darauf ist schon angespielt worden, dass Satz’ Beispiele fast ausschließlich aus Ent­wicklungs- oder Schwellenländern kommen. Hier scheint die schwache Aus­gangslage vieler Akteure besonders offensichtlich zu sein, so dass Märkte von vornherein ein breites Feld für Ausbeutung und systematische Benachteili­gung vorfinden. Hätte man aber andere Beispielfelder genommen, etwa den Niedriglohnsektor in westlichen Ländern, wäre möglicherweise noch deutli­cher geworden, dass es oftmals Märkte selbst sind, die Akteure schwächen und damit, wie in einem Teufelskreis, anfällig machen für weitere Verletzun­gen und Diskriminierungen. G. A. Cohen hat versucht, den Nachweis zu er­bringen, dass kapitalistische Freiheit notwendig Unfreiheit nach sich zieht (2011). Was, wenn man zeigen könnte, dass es keinen Markt ohne moralisch problematische Ungleichheit (durchaus im Sinne der egalitaristischen Intuiti­onen von Satz) geben kann?

Satz wehrt sich gegen „essentialistische“ Theorien (für Satz wären hier Michael Walzer, Elizabeth Anderson und Michael Sandel zu nennen), weil sie kontroverse, ethisch aufgeladene Interpretationen spezifischer Güter vorle­gen, die sie von Märkten fernhalten wollen. Man mag ihr vorwerfen, es sich hier gelegentlich zu einfach zu machen; tatsächlich zeigt sich etwa, dass es eher die Norm ist, dass Leihmütter eine starke Bindung zu dem in ihnen her­anwachsenden Leben entwickeln und das Fortgeben des Säuglings als äußerst schmerzhaft empfinden (eindrücklich der Film von Valerie Gudenus Ma Na Sapna – A Mother’s Dream von 2013). Entfremdungs- und Verdinglichungs­theorien müssen nicht zwangsläufig auf starken essentialistischen Präsupposi­tionen aufruhen, die Alternativen sind an diesem Punkt falsch gezogen (Jaeggi 2005). Satz glaubt demgegenüber, die von ihr als problematisch empfundenen Praktiken beträfen „widely shared concerns such as the need to avoid extreme harms and to protect the most vulnerable“ (210). Angesichts des schieren Umfangs der thematisierten Märkte mag man skeptischer sein, was die Breite des angenommenen Konsenses betrifft. Aber wie dem auch sei, ihre Kritik am Essentialismus ist radikal und konsequent durchgeführt. Eine ähnlich ra­dikale Analyse von Märkten und vielleicht auch von Marktsystemen könnte aber zeigen, dass Märkte kaum je frei sind von starken Machtasymmetrien, von ökonomischen Konzentrationsprozessen, von systematischer Ausbeu­tung und Erniedrigung.

Satz orientiert sich insgesamt normativ an den sozialdemokratischen Thesen von T. H. Marshall (100f.): Um ein vollgültiges Mitglieder der Gesell­schaft zu werden, um also in den ganzen Genuss des Bürgerschaftsstatus zu kommen, müssen volle politische, ökonomische und soziale Rechte etabliert sein. Satz liefert aber letztlich auch viele Argumente, die zeigen, dass diese Rechte nur dann umgesetzt werden können, wenn an manchen Punkten der Gesellschaft Märkte nicht nur reguliert, sondern schlicht untersagt werden.

Literatur

Mankiw, Gregory und Mark P. Taylor. Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Übers. von Adolf Wagner und Marco Herrmann, Stuttgart: Schäffer Poeschel, 2012 (fünfte Auflage).

Jaeggi, Rahel. Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems, Frankfurt und New York: Campus, 2005.

Cohen, G. A., „Capitalism, Freedom, and the Proletariat.“ In On the Currency of Egalitarian Justice, 147–165, Princeton: Princeton University Press, 2011.

© 2014 Zeitschrift für philosophische Literatur, ISSN 2198-0209, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE

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