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Moore, A. W.: The Evolution of Modern Metaphysics: Making Sense of Things. Cambridge: Cambridge University Press 2013 (2. Auflage). 668 Seiten. [9780521616553]

Rezensiert von Thijs Menting (Universität Potsdam)

„The Evolution of Modern Metaphysics“ von A. W. Moore ist ein monumentales Werk. Auf mehr als 600 Seiten werden zwanzig Philosophen seit der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart aus unterschiedlichen Traditionen in einer ebenso klaren wie eloquenten Sprache zielgerichtet besprochen. Es könnte nun der Eindruck entstehen, dass es sich hier um ein weiteres Handbuch zur Ideengeschichte der Moderne handelt. Aber im vorliegenden Band werden keine Denker in chronologischer Reihenfolge mit Berücksichtigung des historischen Kontextes aufgereiht, vielmehr werden auf jeder Seite relevante Überlegungen des jeweiligen Philosophen dargestellt, damit sie so überzeugend und klar wie möglich erscheinen, um auf ihre Kohärenz geprüft zu werden. Daraus geht ein originelles und fruchtbares Bild des Philosophierens hervor, welches sich nur durch die Dynamik unterschiedlichster historischer Positionen herausbilden kann.

Nicht nur in seiner Darstellung zeigt sich Moore als wohlwollender Leser, auch die Auswahl der Autoren beweist seine Geduld mit denen, die seinen eigenen Kriterien der Klarheit nicht entsprechen. Obwohl die strenge Unterscheidung zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie in methodologischer Hinsicht längst hinfällig geworden ist, kann nicht geleugnet werden, dass mittlerweile zwei Kanons entstanden sind. Diese Unterscheidung schlägt sich im Buch nieder: Nach der Behandlung der klassischen (früh)modernen Denker von Descartes bis Hegel findet eine weitere Aufteilung in „analytische“ und „nicht-analytische“ (anstatt „kontinentale“) Tradition statt. Der zweite Teil beginnt mit einem Kapitel zu Frege und endet mit einem Kapitel zu Dummett, der dritte Teil behandelt zuerst Nietzsche und zuletzt Deleuze. Obwohl Moore bestätigt, dass es sich um zwei Traditionen handelt, deren Unterschied am besten anhand der Priorität der Identität bzw. der Differenz charakterisiert werden kann (xv, 22, 554–556), betont er zugleich ihre Gemeinsamkeit: Das Hauptanliegen auf beiden Seiten ist es zu untersuchen, was Sinn ist. Wie unterschiedlich zum Beispiel Frege und Nietzsche ihre Philosophie jeweils ausrichten mögen, sie stimmen zumindest gerade darin überein, dass sie beide die zentrale Rolle des Sinns betonen, und zwar sowohl beim Begreifen („sense-making“) von Dingen, als auch beim Begreifen des Begreifens von Dingen (371). Dass Moore solch tiefliegende Ähnlichkeiten zwischen den Wegbereitern zweier divergenter Traditionen aufweisen kann, darf bereits als Indiz der Originalität dieses Werkes gelten.

Bevor die thematische Ausrichtung jedoch näher behandelt wird, soll die Frage nach der Rechtfertigung eines solchen historischen Projektes vorangestellt werden. Erstens dient heutzutage die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Philosophie entweder dazu, auf zu vermeidende Fehler der jeweiligen Denker hinzuweisen, oder dazu, die Denker als Schablone einer gewissen Position einzusetzen (etwa: spinozistischer Monismus, neo-aristotelischer Naturalismus). Keine der beiden Bezugsweisen findet in diesem Werk ihre Anwendung. Zweitens lässt sich kritisch fragen, warum eine Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Debatte zur Metaphysik, etwa als die Wissenschaft, die sich mittels apriorischer Methoden mit dem Fundament oder den fundamentalen Elementen der Wirklichkeit befasst, in dem Buch größtenteils abwesend ist.

Der letztere Punkt bietet die Gelegenheit, hier die Fragestellung vorläufig näher zu erläutern, und soll deswegen zuerst beantwortet werden. Dabei ist entscheidend, dass der Metaphysikbegriff von Moore keine Berührungspunkte mit dem gegenwärtigen Metaphysikverständnis im Sinne einer Wissenschaft der Fundamente der Wirklichkeit hat. Seinem Verständnis nach kommt der Metaphysik in der Moderne die Aufgabe zu, unseren bewussten und reflexiven Bezug auf die Welt anstelle der Elemente dieser Welt zu untersuchen. Dementsprechend lautet die ungewöhnliche Definition der Metaphysik, die im gesamten Buch beibehalten wird: „The most general attempt to make sense of things“ (1). Diese Definition passt eher zu einer metametaphysischen Fragestellung, doch könnte diese Bezeichnung wiederum den unglücklichen Eindruck wecken, dass es um eine Art Methodenkatalog der modernen Metaphysik ginge. Es empfiehlt sich deswegen Moores Begriff der Metaphysik vorerst als terminus technicus stehen zu lassen. Somit kann diese Geschichte Denker einschließen, welche sich als ihre stärksten Kritiker profiliert haben (Hume, Nietzsche und Carnap) oder welche zu diesem Thema wenig beigetragen haben (Frege).

Der Grund für diese Definition lautet folgendermaßen: In der Moderne verschiebt sich der Fokus der Metaphysik, weil die aristotelische Physik durch neue Einsichten nicht mehr haltbar ist. Probleme, die zuvor in den Bereich der Physik gehörten, wie Substanz, Kausalität oder das Verhältnis von Leib und Seele, werden nun in der Metaphysik behandelt. In Moores Rekonstruktion kommt Descartes der Titel des ersten großen modernen Autors zu, weil er die Mittel bietet, um eine solche Klärung vorzunehmen, indem er durch reine Reflexion aus dem Lehnstuhl den Versuch durchführt, die Möglichkeit der Erkenntnis zu rechtfertigen (27). Mit anderen Worten: Descartes reflektiert über die mentalen Handlungen, die wir vornehmen, wenn wir versuchen zu begreifen. Dieses philosophische Mittel steht uns seit Descartes zur Verfügung, um unsere Überzeugungen zu prüfen und zu sichern. Solange wir diese Reflexion auf der allgemeinsten Ebene anwenden, können wir dies aus Moores Sicht als Metaphysik bezeichnen.

Dass er damit in Opposition zum gängigen naturalistischen Metaphysikverständnis steht, ist Moore sich bewusst. Am ehesten würde man in den Kapiteln zu Hume, Carnap, Quine und Lewis Argumente finden, die an die gegenwärtige Debatte anschlussfähig sind; allerdings gilt in allen genannten Fällen, dass Moore ihre Ansätze im Endeffekt als unzureichend in Hinblick auf seine Fragestellung betrachtet, da ihr Naturalismus keinen Platz für die Fähigkeit bietet, Rechenschaft über das Begreifen abzulegen. Seine Kritik lässt sich auf ein „Faktum“ zurückführen, das in einer kritischen Note zu Quine vorgeführt wird: „the (natural-)scientific way to make sense of things is not the way to make sense of making sense of things“ (324). Eine ausführliche kausale Erklärung des Gegenstandsbezugs beispielsweise steht in keinerlei Beziehung zur der Weise, wie Dinge für uns sind, wie hier mit Verweis auf McDowell bemerkt wird. Somit muss laut Moore die Metaphysik von ganz anderer Art sein: sie bezeichnet weder das Wesen der Dinge noch kann sie das, was da ist, fundieren. Dies sei nur angeführt, um den möglichen Verdacht, dass Moores Projekt ein historisch ausgerichtetes Äquivalent der gegenwärtigen Metaphysikdebatte ist, zu entkräften.

Nun zum ersteren Punkt: Moore selbst ist der prekäre Status seines historisch ausgelegten Projektes bewusst, weshalb er in der Einführung und in der Schlussfolgerung ausführlich darlegt, wodurch es gerechtfertigt werden kann. Im Grunde läuft es darauf hinaus, dass er der Metaphysik ihren Status als Wissenschaft abspricht und damit auch keinen Rückgriff auf einen status quo oder genuine Fortschritte erlaubt. Vielmehr betrachtet er es als eine wichtige Stärke der Metaphysik, dass sie wie keine andere philosophische Disziplin ein unerschöpfliches Innovationspotential hat, da sie sich selbst ständig neu bestimmen und rechtfertigen muss. Rückblickend stellt er im Schlusskapitel verschiedene produktive „humanistische“ Neuerungen – etwa das Primat des Selbstbewusstseins bei Descartes, Kants Unterscheidung zwischen Glauben und Wissen, Humes Religionskritik, Hegels progressive Geschichtsverständnis oder Nietzsches Moralkritik (600f.) – dar, die als Belege dieses innovativen Vermögens dienen sollen. Obwohl diese kurze Liste dem nicht gerecht wird, könnte man sagen, dass eine zentrale Aufgabe des Buches darin besteht, die Breite an Positionen darzustellen, damit dieser innovative Aspekt der Metaphysik anhand ihrer reichen Geschichte nachgewiesen werden kann.

In dieser Hinsicht stimmt er Deleuze zu, der diese historischen Positionen als virtuelle Möglichkeiten deutet, die auf ganz unterschiedliche und kreative Weisen realisiert werden können, während er den „konservativen“ späten Wittgenstein dafür kritisiert, dass er keine Bereitschaft zeigt, aufgrund anderer philosophischer Positionen oder begrifflicher Innovationen in den Wissenschaften seine Prämissen grundsätzlich zu hinterfragen oder sie sogar zu revidieren (275–278). Wittgensteins Philosophie ist ausschließlich deskriptiv, sie lässt alles sein, wie es ist, so Moore, während Metaphysik für Moore zumindest im Ansatz revidierend sein sollte, indem sie die Ausrichtung unserer Ethik und Lebensführung mitbestimmt. Es verwundert daher nicht, wenn er in den Kapiteln zu Spinoza und Nietzsche dieses Primat des Praktischen in den Vordergrund stellt und auf der anderen Seite – mit Max Weber – jeglicher Art des Szientismus eine „Entzauberung der Welt“ vorhält (z.B. 40–43). Außerdem besteht für Moore die Kraft der historischen Positionen gerade darin, dass sie die scheinbare Alternativlosigkeit der Prämissen in der gängigen Debatte herausfordern (587). Allerdings hört eine Debatte dann auf, wenn keine hinreichende Übereinstimmung über die Prämissen der Debatte besteht. Moores Ansatz zeigt aber gerade, dass die moderne Philosophie trotz der Heterogenität der Positionen ein gemeinsames Projekt verfolgt.

Moores Unterfangen kann jedoch nur dann als gelungen betrachtet werden, wenn die Auseinandersetzung mit den zahlreichen Positionen dazu führt, dass seine Argumente dadurch geschärft und verbessert werden. Nach eigener Aussage geht es ihm um ein Werk, das laut der berühmten Unterscheidung von Bernard Williams (1978) keine bloße „Ideengeschichte“, sondern „Geschichte der Philosophie“ betreiben soll (xviii). Damit ist gemeint, dass es hier eher um den Austausch und die Prüfung von Argumenten gehen sollte als um deren Entstehungsgeschichte. Übrigens schließt dieser Anspruch auch ein, dass dieses Werk keine didaktischen Ziele verfolgt und keinen Einführungscharakter hat, wie manche Rezensenten behaupteten (z.B. Braver 2012), sondern primär als philosophisches Werk zu beurteilen ist.

Dass Moores Unterfangen aus Sicht des Rezensenten gelungen ist, soll nun anhand von zwei wichtigen Ansätzen, welche aus der Auseinandersetzung mit historischen Figuren entsprungen sind und Moores Position und Verfahrensweise nachweisbar bestimmt haben, gezeigt werden.

(1) Anders als naturalistische Positionen vertritt Moore den Ansatz, dass die Metaphysik sich nicht mit propositional deskriptiven Sätzen beschäftigen soll (584). Damit ist gemeint, dass die Metaphysik laut Moore keine Aussagen über Tatsachen in der Welt zu treffen hat; insofern wird sie als nicht-propositional bezeichnet. Stattdessen solle sie auf einer höheren Ebene sicherstellen, dass die konzeptuellen Instrumente, die wir in unserer philosophischen Forschung untersuchen, zweckgemäß sind (594). Entscheidend ist dabei, dass diese Sicherung nicht-propositional ist: Wenn wir versuchen, Dinge sinnvoll zu begreifen, gibt es Elemente, von denen das Begreifen (“sense-making”) abhängt, die jedoch selbst nicht auf dieselbe Weise begriffen werden können (142). Anders gesagt, die Sätze der Metasprache können nicht in Objektsprache ausgedrückt werden.

Was diese nicht-propositionalen Elemente sind, ist zunächst weitgehend unbestimmt. Es ist die Auseinandersetzung mit historischen Positionen, welche es uns erlaubt, Moores Position, die er transzendentalen Idealismus nennt, zu erfassen. Hier wird Kants Gegenüberstellung von transzendentalem und empirischem Idealismus zur Erläuterung eingeführt. Dem empirischen Idealismus zufolge sind alle Begriffe durch Gegenstände der Erfahrung gegeben, dem transzendentalen Idealismus zufolge können wir uns nur sinnvoll auf Gegenstände beziehen, insofern sie sich gemäß unserer Formen der Anschauung ordnen. Jedoch sind diese Formen, nämlich Raum und Zeit, für Kant eben keine Begriffe unter die wir Gegenstände subsumieren, sondern Formen der Anschauung in denen wir Gegenstände wahrnehmen. Mit anderen Worten, die Formen der Anschauung selbst können kein Gegenstand der Erfahrung sein, sind aber zugleich notwendige Elemente der Erfahrung, nämlich die raumzeitlichen Koordinaten der Objekte unserer Erfahrung. Für Moore kommt es nicht auf diese spezifischen Elemente (Raum und Zeit) an, sondern auf ihre ermöglichende Aufgabe, die nicht-propositional sei. Wir können diese Formen nämlich selbst nicht in der Welt vorfinden und somit propositional beschreiben; dennoch ordnen sie unsere Erfahrung grundsätzlich. Diese Einsicht sagt somit etwas Wesentliches über die Weise unseres Begreifens aus, ist aber selbst nicht-propositional.

Moores weiter Begriff des transzendentalen Idealismus’ wird aus seiner Sicht sowohl vom frühen als auch vom späten Wittgenstein, denen er übrigens beiden aufgrund ihrer zentralen Bedeutung ein Kapitel widmet, vertreten. Unter Wittgenstein-Forschern herrscht schon länger Uneinigkeit darüber, wie man den berüchtigten Satz am Ende des „Tractatus“, dass wir darüber schweigen müssten, worüber wir nicht sprechen könnten, verstehen soll. In nuce lautet die klassische Lesart, dass Wittgenstein bloß zwischen sinnvollen und unsinnigen (d.h. nicht-propositionalen) Sätzen unterscheiden wollte. Laut der jüngeren Lesart, die beispielsweise von James Conant und Cora Diamond vertreten wird, war sein Ziel therapeutisch: Er wollte beim Leser ein kritisches Bewusstsein über die Unsinnigkeit scheinbar sinnvoller Sätze wecken. Die Logik drückt nämlich keine Gedanken über den Zustand von Dingen aus und sei somit selbst unsinnig (238f.).

Die originelle Wende Moores besteht darin, dass er jenseits der genannten etablierten Lesarten Wittgenstein zuschreibt, gerade das zu tun, was Kant in Bezug auf Raum und Zeit macht: Im „Tractatus“ wird der Leser auf logische Strukturen aufmerksam gemacht, denen jeder propositional sinnvolle Satz entsprechen muss (241–248). Sowohl bei Kant als auch bei Wittgenstein sind diese Aussagen selbst aber als unsinnig zu qualifizieren, da eine gültige Bestimmung der Grenzen sinnvoller Sätze oder Erscheinungen impliziert, dass die andere Seite der Grenze ebenso positiv bestimmt werden kann (sogenanntes „Limit Argument“, 135f.). Aber eine solche positive Bestimmung ist nicht möglich; bekanntlich können wir laut Kant in theoretischer Hinsicht über Dinge an sich selbst nichts sagen, so wie für Wittgenstein die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt sind. Obwohl sich Kant also gegen eine solche Qualifizierung wehren würde, stimmt Moore Wittgenstein zu, dass diese metaphysischen Sätze selbst als unsinnig zu qualifizieren sind (248).

Dies scheint dem Rezensenten ein ernsthafter, origineller und produktiver Beitrag zu den besonders lebendigen Debatten um die beiden Autoren zu sein, der künftig zu berücksichtigten wäre, da er jenseits der etablierten Lesarten beider Autoren situiert ist (Kant: zwei Aspekte vs. zwei Welten-Theorie; Wittgenstein: traditionelle vs. jüngere Lesart). Vor allem aber scheint durch diese Diskussion eine eigene Antwort des Autors auf die Frage nach dem Transzendenten entstanden zu sein, so dass diese Auseinandersetzung Moores Position schärft und verständlich macht. Es ist nämlich laut Moore nicht der Fall, dass wir entweder eingeschränkt sind, wenn wir die Dinge um uns herum zu begreifen versuchen, oder dass der Bereich dessen, was wir begreifen können, eingeschränkt ist. Ansonsten geriete man in die Falle des „Limit Arguments“. Vielmehr bleiben wir auch bei der metaphysischen Reflexion über die Weise der Bezugnahme auf der Ebene des Immanenten, die aber eben nicht eingeschränkt, sondern immer für neue Deutungen offen ist.

(2) Dass Moores Position durch die philosophische Auseinandersetzung mit historischen Autoren geschärft worden ist, lässt sich zweitens durch die Rolle nachweisen, die Deleuze für das Projekt spielt. Insbesondere soll an dieser Stelle hervorgehoben werden, wie Moore im Anschluss an Deleuze das revisionären und kreative Potential der Metaphysik affirmiert. Anders als die meisten behandelten Denker betont Deleuze dieses Potential nicht nur ausdrücklich, wie etwa auch Carnap (396), sondern bietet zusätzlich ein Modell an, wie Revision und Kreativität im Rahmen der Metaphysik produktive Anwendung finden können.

Zur Revision sind oben schon einige Worte gesagt worden. Deskriptiv ist eine Metaphysik, wenn sie nur die unveränderliche und allgemeinste Struktur der Welt darstellt, revisionär ist sie dagegen, wenn sie die Möglichkeit zulässt, die allgemeinsten Kategorien dieser Struktur zu ändern oder gänzlich auszutauschen, falls neue Kategorien sich als besser erweisen. Kreativ ist eine Metaphysik laut Moore, wenn sie zusätzlich verschiedene Weisen des Begreifens nebeneinander zulassen kann.

Für Deleuze ist Denken ein kreativer und lustvoller Prozess, in dem unaufhörlich neue Realitäten erkundet werden, die erst durch neue Begriffskonstellationen ermöglicht werden (545). Philosophie sollte dieser Dynamik Ausdruck verleihen, indem sie ständig neue Begriffe schafft, umdeutet und verknüpft. Moore bringt in diesem Zusammenhang das Beispiel des Unendlichkeitsbegriffes, der in der Geschichte der Mathematik mehrmals umgedeutet worden ist, jedoch stets neue Paradoxa hervorbringt, und somit nie abschließend geklärt worden ist. Diese Begriffsgeschichte ist in seinem Buch „The Infinite“ (Moore 2001) enthalten, und analog dazu kann auch für das vorliegende Buch gelten, dass ganz unterschiedliche historische Bestimmungen des Metaphysikbegriffes angeführt werden, ohne jedoch endgültig bei einer Variante zu verweilen. Moore verfolgt also bereits in seinem Ansatz das revisionäre Metaphysikverständnis, das von Deleuze propagiert wird. Darüber hinaus liegt für Moore die primäre Aufgabe der metaphysischen Disziplin darin, fruchtbare Vorschläge für die Anwendung von Begriffen, Methoden, etc. zu machen (17f.).

Auch das kreative Metaphysikverständnis wird von Deleuze bejaht. Für ihn wird nämlich das Denken durch Probleme geleitet; Probleme betreffen generell die Realisierbarkeit sogenannter virtueller Einstellungen, was die akkumulativ wachsende Zahl der Möglichkeiten sind, die wirklich werden können (416). Bei der Realisierbarkeit dieser Einstellungen ist nicht so sehr ihre Wahrheit, sondern ihre Relevanz entscheidend (572), sodass in Bezug auf konkrete Probleme jeweils andere Weisen des Begreifens geschaffen werden müssen. Somit sollen heterogene Weisen der Bezugnahme nebeneinander bestehen können, wodurch folglich der Metaphysik eine kreative Aufgabe zukommt. Dies wird auch von Moore bestätigt, zum Beispiel wenn er sporadisch die Rolle der Metaphysik für die praktische Lebensführung und die Ethik hervorhebt (66).

Wie sich zeigt, ist der Einfluss von Deleuze auf die Ausrichtung des Buches erheblich. Nicht nur bezüglich Moores Interpretationen etwa von Spinoza und Nietzsche, die sich jeweils stark vom Werk Deleuzes leiten lassen, oder seiner Haltung zur Geschichte der Philosophie, sondern vor allem bezüglich des revisionären und kreativen Anspruchs der Metaphysik, die vehement von Moore bejaht werden.

Zwar ließen sich einzelne Interpretationen, die Auswahl der Autoren oder die gewählte Zeitspanne kritisieren, davon wurde aber in dieser Besprechung abgesehen, da Moores Werk nicht den Ansprüchen eines Überblicksbandes gerecht zu werden sucht, sondern vielmehr den Versuch unternimmt, ein anderes Metaphysikverständnis zu etablieren. Moores Buch dürfte daher ein äußert wichtiger, „unzeitgemäßer“ Beitrag zu einer Debatte sein, die in ihrer naturalistischen Ausrichtung dazu tendiert, hinter die reflexive Methode der Moderne zurückzufallen. Es ist Moores Verdienst, dass er gerade den reflexiven Aspekt der modernen Metaphysik auf eine solch ausführliche und stringente Weise referiert und – vor allem – anwendet. Nach der Lektüre dieses umfangreichen Werkes sind es weniger die referierten Positionen der zwanzig Autoren, die sich einprägen, sondern die überzeugenden Argumente für eine nicht-propositionale, revisionäre und kreative Metaphysik, welche davon lebt, dass sie in einer unaufhörlichen Auseinandersetzung mit grundsätzlich anderen Positionen steht.

Literatur

Braver, Lee. “Review of Making Sense.“ In Notre Dame Philosophical Reviews, 24. März 2012. http://ndpr.nd.edu/news/29679-the-evolution-of-modern-metaphysics-making-sense-of-things/

Moore, A.W. The Infinite. 2. Auflage, London: Routledge, 2001.

Williams, Bernard. Descartes: The Project of Pure Enquiry. Harmondsworth: Penguin, 1978.

© 2015 Zeitschrift für philosophische Literatur, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE

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